Wien. Ein Mann wird zwei Tage lang gefoltert, weil sein Bart nicht lang genug war. Ein Vater verprügelt seinen Sohn wegen seines "unangepassten Auftretens". Ein Nachbar droht, einen Mann an die Taliban zu verraten, wenn er nicht Schutzgeld zahlt. Ein Rückkehrer wird in einem Drohbrief als "Ungläubiger" beschimpft.

Diese Geschichten stammen von Menschen, die nach Afghanistan zurückkehren mussten. Sie sind aus Angst vor Verfolgung und Krieg geflohen. Sie haben in Deutschland um Asyl angesucht. Behörden und Gerichte entschieden jedoch, sie nach Afghanistan abzuschieben. Das Land sei sicher genug.

Doch wie sicher ist es wirklich? "Die eigentliche Frage ist ‚wie unsicher ist Afghanistan?‘", sagt Friederike Stahlmann, die am Max-Planck-Institut in Halle seit vielen Jahren zu Afghanistan forscht und das Land oft besucht hat. "Wir erleben eine systematische Bedrohung der erfolglosen Rückkehrer" Als erfolglos gelten sie, wenn sie nicht geschafft haben, in Europa ein dauerhaftes Bleiberecht zu erlangen. Abgeschobenen haftet sofort ein Stigma an: "Du hast versagt, du bist kriminell, du bist vom Glauben abgefallen". Wer zurückkehrt, kann schlecht verbergen, dass er in Europa war.

Friederike Stahlmann erstellt auch Gutachten in Asylverfahren. - © FSW/Romesh Phoenix
Friederike Stahlmann erstellt auch Gutachten in Asylverfahren. - © FSW/Romesh Phoenix

Stahlmann hat mithilfe von Unterstützern aus Deutschland versucht, Informationen über abgeschobene Asylwerber zu sammeln. Von insgesamt 366 Menschen identifizierte sie 125. Davon wiederum konnte sie 33 ausfindig machen. Voraussetzung war, dass niemand in Gefahr gebracht wird. Die Menschen in Afghanistan zu besuchen, wäre zu gefährlich gewesen. Deshalb schickte sie Fragebögen und führte mit manchen von ihnen Interviews.

Ihre Recherchen zeigen: Das Leben der Neuankömmlinge ist in vielerlei Hinsicht gefährdet. Die Taliban kontrollieren Straßen, sie filzen Busse, durchsuchen Handys. Um ihr Interesse zu wecken, genügt es, "westlich auszusehen". "Es gibt einige Beispiele von Menschen, die auf der Straße identifiziert und gejagt wurden", sagt die Ethnologin. Die Taliban verlangen Loyalität: Männer werden zur Kooperation gezwungen. Wer sich weigert, die Terrororganisation zu unterstützen, gilt als Feind. Es gibt schwarze Listen von Menschen, nach denen landesweit gefahndet wird. Nachbarn werden denunziert. Das Spitzelsystem der Taliban ist ausgeklügelt.

Korruption und Rechtlosigkeit

Die Terrorgruppe bildet eine Art "Schattenregierung" in Afghanistan. Sie ist in allen Provinzen vertreten. Sie treibt Steuern ein, rekrutiert Fachkräfte, verfügt über einen eigenen Geheimdienst. Oft kooperiert sie mit lokalen Milizen oder Spitzeln in der staatlichen Polizei. Korruption und Rechtlosigkeit spielt ihr in die Hände. "Die Taliban und der IS wollen die Sicherheit im Alltag zunichtemachen und greifen auch zivile Institutionen wie Krankenhäuser, Schulen, Moscheen oder Gerichte an. Nirgends gibt es hundertprozentigen Schutz", sagt Stahlmann.