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"Wiener Zeitung": Herr Wu, auf Ihrer Visitenkarte steht "Außenminister", aber Peking akzeptiert sie nicht als Minister. Ihre Lage ist einigermaßen kompliziert.

Joseph Wu: Es ist nicht nur nicht leicht - es ist sogar einigermaßen schwer. Denn es ist nicht nur die chinesische Seite, die das nicht akzeptiert, sondern es gibt auch viele Länder - darunter sind viele, mit denen wir in vielen Fragen übereinstimmen -, die das ebenfalls nicht akzeptieren. Was mich daran traurig stimmt: Taiwan wird als Demokratie geschätzt, Taiwan wird als Leuchtfeuer der Hoffnung in diesem Teil der Welt gesehen - nichtsdestotrotz haben taiwanesische Regierungsmitglieder Probleme. Ich kann nicht nach Washington, London oder Tokio reisen. Ich kann nur appellieren, mit Taiwan in pragmatischer Weise zusammenzuarbeiten.

Wie schätzen Sie die Beziehungen zur Führung in Peking ein?

Da wird es noch komplizierter. China möchte keine Symbole taiwanesischer Souveränität anerkennen. Daher ist China daran interessiert, uns diplomatisch zu isolieren. Der Aufstieg Chinas macht es Peking zunehmend leichter. Gleichzeitig sollte man aber auch dazusagen, dass China weiterhin das Ziel hat, die Herzen und Hirne der taiwanesischen Bevölkerung zu gewinnen. Daher glaube ich nicht, dass es im Interesse Pekings ist, Taiwan auf diese Weise zu isolieren - denn damit macht man sich hier keine Freunde.

Im Moment scheint der Dialog schwierig.

Unsere Linie ist es, den Status quo zu erhalten und den Frieden und die Stabilität in der Taiwan-Straße aufrechtzuerhalten. Eine Wiedervereinigung mit China ist keine Option, zugleich ist Taiwan de facto so gut wie unabhängig - wir haben einen eigenen Präsidenten, eine eigene Regierung, unser Parlament, Militär und unsere Währung. Daher ist eine Bewahrung des Status quo die beste Lösung. Ich glaube auch, dass wir eine sehr verantwortungsbewusste Politik gegenüber Peking verfolgen.

Das Gespräch mit Joseph Wu
wurde im Rahmen eines Gruppeninterviews mit internationalen
Journalisten geführt.