Wien. Etwa eine halbe Million Menschen sind im syrischen Krieg seit 2011 getötet worden. Bei weitem nicht alle starben bei Kampfhandlungen. Tausende wurden Opfer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu Tode gefoltert, ermordet. Die Täter finden sich auf beiden Seiten der Front. Doch die überwiegende Zahl an Verbrechen geht auf das Konto des Regimes von Bashar al-Assad.

Im August 2013 schmuggelt ein Überläufer mit Decknamen "Caesar" tausende Fotos aus Syrien heraus. Auf knapp 7000 davon hat der ehemalige Militär-Forensiker Gefangene fotografiert, die in Haft oder nach ihrer Überstellung aus einem Gefängnis in ein Militärkrankenhaus in Damaskus starben. Die Leichen zeigen eindeutige Spuren von Folter. Die Echtheit der Fotos ist belegt. Familien konnten ihre verschwundenen Angehörigen auf den Bildern identifizieren. Ehemalige Gefangene und Überläufer bestätigten die Praxis von Folter und Mord. Laut einem Bericht von Amnesty International (AI) sollen zwischen 2011 und 2017 alleine im Militärgefängnis Saydnaya 13.000 Gefangene außergerichtlich hingerichtet worden sein. "Die Fotos führen uns eindrücklich vor Augen, was in Syriens Gefängnissen geschieht", sagt Toby Cadman von Guernica37, einer international tätigen Anwaltskanzlei mit Sitz in London, die sich der Aufarbeitung von Verbrechen in Syrien widmet.

Folter und Mord mit Methode

Syriens Präsident Assad leugnet das. In einem Interview mit den Caesar-Fotos konfrontiert, tut er sie als Propaganda ab: In jedem Krieg gebe es individuelle Verbrechen. Was in den Gefängnissen geschehe, sei nicht staatlich angeordnet.

Die Caesar-Fotos sind nur ein Teil jener Beweise, die in Syrien gesammelt und außer Landes geschmuggelt wurden. "Überall dort, wo das Regime sich aus Gebieten zurückzog, ließ es Beweise zurück", erklärt Cadman: in Verwaltungsgebäuden, Polizeistationen und den Zentralen der Geheimdienste. Die syrischen Ermittler sammelten Namenslisten, Berichte, unterschriebene und gestempelte Dokumente. Dadurch lassen sich Befehlsketten nachvollziehen. Von den obersten Rängen, dem Verteidigungs- und Innenministerium und den Leitungen der Geheimdienste, bis hinunter zu den Polizeistationen und örtlichen Geheimdienststellen.

In umgekehrter Richtung erreichten Berichte darüber, was vor Ort geschieht, die Verantwortlichen in Damaskus. Die Dokumente belegen: Anders als Assad behauptet, steckt Methode hinter Folter und Mord. Und die Spitzen des Regimes sind darüber informiert. "Die Verbrechen des syrischen Regimes sind auf industriellem Niveau organisiert. Indem Beamte und Militärs alles penibel dokumentiert haben, hinterließen sie eine Beweisspur, die wir nun verfolgen", erzählt Toby Cadman.