Vatikan-Stadt. Es ist knapp 20 Jahre her, dass das Ausmaß sexuellen Missbrauchs und seiner Vertuschung in der katholischen Kirche in groben Zügen erkennbar wurde. Von Donnerstag an will sich nun die Führungsebene der Kirche erstmals auf globaler Ebene mit dem Thema auseinandersetzen. Vier Tage lang treffen sich die Vorsitzenden der 114 katholischen Bischofskonferenzen, der Ostkirchen, Ordensobere, die Chefs der Kurienbehörden und Papst Franziskus, um über das Thema Missbrauch zu diskutieren. Die Organisatoren rechnen mit etwa 190 Teilnehmern. Vor allem die Enthüllungen in Chile und in den USA im vergangenen Jahr hatten den Papst und seine Berater dazu bewogen, die Frage gesamtkirchlich anzugehen.

Am Wochenende setzte Franziskus im Vorfeld der Konferenz ein Zeichen. Er entließ den ehemaligen Erzbischof von Washington und früheren Alliierten, Theodore McCarrick, aus dem Priesterstand. Der 88-Jährige, dem Franziskus bereits im Juli die Kardinalswürde aberkannt hatte, sei in einer Untersuchung der Glaubenskongregation des sexuellen Fehlverhaltens für schuldig befunden worden. Wie es heißt, habe McCarrick in den 1980er und 90er Jahren als Bischof in den USA mehrere Minderjährige und Priesteramtskandidaten sexuell missbraucht. Im Vatikan wird darauf hingewiesen, der Papst wolle mit der Entscheidung seine Linie der "null Toleranz" im Hinblick auf Missbrauch untermauern.

Nicht mehr als generelle Auseinandersetzung

Angesichts der Größe und Bedeutung des Themas ist das Bischofstreffen extrem kurz, mehr als die generelle Auseinandersetzung mit der Frage des Umgangs mit sexuellem Missbrauch ist im Moment nicht zu erwarten. Zu Beginn der Konferenz mit dem unverfänglich klingenden Titel "Der Schutz von Minderjährigen in der Kirche" sollen den Teilnehmern per Video Aussagen von Betroffenen aus allen Kontinenten der Welt vorgespielt werden. Auch während der Konferenz werden Opfer zu Wort kommen, Opferverbände planen Konferenzen und Mahnwachen in der Stadt. Papst Franziskus hatte die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen vor dem Treffen aufgefordert, Betroffene zu persönlichen Gesprächen zu treffen. So sollten auch diejenigen Bischöfe sensibilisiert werden, in deren Kulturkreisen man immer noch nicht über sexuellen Missbrauch spricht.

Wie groß die Unterschiede weltweit bei der Wahrnehmung des Themas sind, war bei der Bischofssynode zum Thema Jugend im Oktober sichtbar, als sich vor allem Bischöfe aus Afrika und Asien, aber auch aus Italien dagegen wehrten, die Formulierung "null Toleranz" im Hinblick auf Missbrauch in das Abschlussdokument aufzunehmen. "Sexueller Missbrauch ist nicht nur ein europäisches, angelsächsisches oder westliches Problem, sondern kommt auf der ganzen Welt vor, auch dort, wo nicht darüber gesprochen wird", sagt der deutsche Jesuit und Psychologe Hans Zollner, der das Kinderschutzzentrum an der päpstlichen Universität Gregoriana leitet. Er ist einer der Organisatoren der Konferenz.