Ankara/Wien. Für diplomatische Floskeln war Recep Tayyip Erdogan noch nie bekannt. Der türkische Premier hat immer wieder die Rolle des Polterers übernommen, während andere Kabinettsmitglieder danach beschwichtigten. Ob er türkische Frauen dazu aufforderte, mehr Kinder zu gebären, dem israelischen Präsidenten Shimon Peres vorhielt, Israel würde Kinder ermorden oder jenen, die "die Türkei nicht lieben", das Weggehen empfahl - Erdogan war bei seiner Wortwahl nicht vorsichtig.

Das war auch nicht anders, als er während seines London-Besuches am späten Dienstagabend der BBC ein Interview gab. Er könnte ja bis zu 100.000 Armenier aus der Türkei ausweisen, meinte er.

Denn die Debatte um die Armenier und die türkische Nicht-Anerkennung des Wortes Völkermord für die Massaker an der Volksgruppe im Ersten Weltkrieg ist wieder voll entbrannt. Zuletzt hatten ein US-Kongressausschuss und das schwedische Parlament Resolutionen zum Genozid angenommen. Und wie jedes Mal bei solchen Aktionen reagierte Ankara wütend.

Derartige Erklärungen aus dem Westen wären gerade den türkisch-armenischen Beziehungen keineswegs dienlich, heißt es aus Ankara. Erdogan ging im jüngsten Interview weiter. In der Türkei würden an die 170.000 Armenier leben, und nur 70.000 von ihnen wären türkische Staatsbürger, zählte er auf. Die anderen 100.000 würden toleriert. "Aber wenn es morgen nötig wäre, ihnen zu sagen: ,Los, geht in eure Heimat, würde ich es machen", erklärte der Premier: "Sie sind nicht meine Bürger; ich muss sie nicht in meinem Land behalten."

Dass aber tatsächlich die Ausweisung hunderttausender Menschen, von denen viele illegal in der Türkei arbeiten, ansteht, daran glauben auch türkisch-armenische Kreise nicht. Solche Drohgebärden kämen immer wieder von türkischen Politikern.

Reflex statt Bewältigung

Erdogans Aussagen bereiten ihnen eher aus anderen Gründen Sorge. Sie machen einmal mehr deutlich, wie schwierig die Annäherung zwischen der Türkei und Armenien ist, den zwei Nachbarn, deren Grenze seit fast 20 Jahren geschlossen ist. Nach einer pompösen Vertragsunterzeichnung im Vorjahr mit dem Plan zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen hat sich kaum etwas getan; die Abkommen sind noch nicht ratifiziert.

Resolutionen wie jene in den USA und Schweden helfen da auch nicht weiter, finden Beobachter. Statt selbst die Geschichte aufzuarbeiten, verstrickt sich die Türkei darin, andere Länder zurechtzuweisen.

Das Verhältnis zum Westen bessern derartige Abwehrreflexe ebenso wenig. Zwar werden wohl kaum die Beziehungen etwa zu den USA, einem engen Verbündeten und Handelspartner der Türkei, ernsthaft in Gefahr gebracht. Dennoch wird sich US-Präsident Barack Obama genau überlegen, was er in der traditionellen Ansprache zum Jahrestag der armenischen Tragödie im April sagt. Welches Wort er nach Meinung der Türken vermeiden soll, weiß er genau.