In einem Interview mit "Spiegel Online" fand UN-Waffeninspektor Franck deutliche Worte: Als US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar im UNO-Sicherheitsrat seinen großen Auftritt hatte, habe er gedacht: "Okay, jetzt kommen die Amis mit all dem Zeug, das sie uns immer vorenthalten haben. Jetzt präsentieren sie den großen Knall. Aber beim Zuschauen war schnell klar, dass es alles ein großer Bluff war, dass sie nichts hatten". So seien zwischen den Aufnahmen der Satellitenbilder, mit denen Powell beweisen wollte, dass die Iraker an einem Ort unmittelbar vor dem Eintreffen der Inspektoren geheime Dinge zur Seite geschafft hätten, in Wahrheit mehrere Wochen gelegen. "Was Powell sagte, hat schlichtweg nicht gestimmt", so der Experte.

Schreibtischtäter?

Bei den Waffeninspektoren habe sich die Überzeugung durchgesetzt, dass das meiste, was die Amerikaner über den Irak wussten, von Satellitenaufnahmen stammte. "Die haben schlichtweg am Schreibtisch gesessen und Satellitenbilder interpretiert", kritisierte Franck. Die amerikanischen Zahlen zum militärischen Potenzial des Irak seien "meistens falsch, immer zu hoch" gewesen. Auf die Frage, wie man sich fühle, wenn man als Inspektor so offensichtlich über den Kriegsgrund getäuscht werde, sagte Franck: "(UNO-Chefinspektor Hans) Blix hat intern sehr, sehr deutliche Worte gefunden, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte." Und er fügte hinzu: "Weil ich ein höflicher Mensch bin, sage ich: Das war im Grunde alles nur eine Show für das US-Publikum."

Auch ein ehemaliger amerikanischer Geheimdienstbeamter meldete sich zu Wort: Die US-Regierung habe Geheimdienstinformationen verzerrt und Vermutungen als erwiesene Tatsachen dargestellt, so Greg Thielmann, der bis September im Büro für Geheimdienste und Forschung des US-Außenministeriums arbeitete. "Am weitesten ging die Verzerrung im Bereich der Atomwaffen".

Die US-Regierung weist alle Vorwürfe zurück. "Wir haben keine Zweifel, dass sie (die Iraker) in den vergangenen Jahren solche Waffen zurückbehalten haben oder die Fähigkeit hatten, solche Waffen wieder herzustellen", so US-Außenminister Colin Powell. Die USA wüssten, dass die gestürzte

irakische Regierung ein "Meister im Täuschen und Verstecken" gewesen sei. Und US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice sagte dem Sender ABC, es habe breite Übereinstimmung bei den Geheimdiensten gegeben, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze.

Dossier abgeschrieben

Die britische Regierung musste sich unterdessen von einem ihrer umstrittenen Dossiers zum Irak distanzieren: Innenminister David Blunkett gab zu, dass das Dossier nur teilweise auf Angaben des britischen Geheimdienstes M16 basiere, Informationen über Massenvernichtungswaffen des ehemaligen Diktators Saddam Hussein seien darin aber nicht enthalten gewesen. Das Dossier war teilweise aus einer veralteten Arbeit eines Studenten abgeschrieben worden.