Vor einem Jahr hielt Assange den "Guardian" noch hoch, mittlerweile liegt er mit der Zeitung im Clinch. - © EPA FILE/Str
Vor einem Jahr hielt Assange den "Guardian" noch hoch, mittlerweile liegt er mit der Zeitung im Clinch. - © EPA FILE/Str

Berlin/Washington. (leg) Es ist ein Desaster, dessen Folgen das Leben von mehr als 100 Informanten der USA in akute Gefahr bringen: Der Plattform Wikileaks, die im Spätherbst 2010 mit der Enthüllung geheimer US-Depeschen für Furore sorgte, ist eine schwere Datenpanne passiert. Über 250.000 Depeschen des US-Außenministeriums, die einst bei der Enthüllungsplattform eingereicht wurden, sind mittlerweile öffentlich - und zwar gänzlich öffentlich: Anders als von Wikileaks gewollt, das zum Zweck des Schutzes der Informanten immer nur bearbeitete Versionen der Dokumente online gestellt hatte - ohne die Namen gefährdeter Personen zu nennen -, findet man in der Datei "cables.csv", die im Internet kursiert, die Originalversion einschließlich der Namen von Informanten aus aller Welt.

Man mag sich vorstellen, was das heißt: Die Jagd auf die "Verräter", die den USA als Informanten gedient haben, dürfte in totalitären Staaten wohl schon begonnen haben. Wie wird es etwa jenem iranischen Informanten ergehen, der meinte, seine Perser versuchten stets, den Anschein zu erwecken, "diesen blöden, verrückten Mullahs" zu folgen?

Der Weg in die verhängnisvolle Panne könnte als "Drehbuch zu einem B-Movie" dienen, urteilt der deutsche "Spiegel". Tatsächlich ist das Informations-Leck offenbar aus einer Mischung aus Schlamperei, Streitereien und unglücklich sich verkettenden Zufällen heraus entstanden. Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte bei der Veröffentlichung der Depeschen im Vorjahr mit großen internationalen Zeitungen und Magazinen wie dem Spiegel, der New York Times oder dem britischen Guardian zusammengearbeitet. Das sollte garantieren, dass keine sensiblen Personendaten durchsickern. Der "Guardian"-Journalist David Leigh beschreibt in einem im Februar erschienenen Buch ein Treffen mit Assange. Der schrieb dem Journalisten auf einem Zettel dabei auch das Passwort für jene Daten auf, die mittlerweile öffentlich sind: "Das ist das Passwort. Aber du musst ein zusätzliches Wort einfügen, wenn du es eingibst. Du musst das Wort ,Diplomatic vor dem Wort ,History einfügen. Kannst du das behalten?"

Leigh konnte, und publizierte das Passwort. Noch war das nicht weiter schlimm, kannte doch niemand die Datei dazu, die sich, könnte man annehmen, ohnedies nur in sicheren Händen befand. Ein Irrtum: Als Wikileaks zum Ziel von Hackerattacken wird, werden von wohlmeinenden Unterstützern der Seite blitzschnell hunderte Spiegelserver aufgesetzt, um die Plattform zu schützen. Im dezentralen System BitTorrent kursierten rasch komprimierte Versionen aller Wikileaks-Daten - darunter die verschlüsselten Original-Depeschen. Auch der Gründer der Konkurrenzplattform OpenLeaks, Daniel Domscheit-Berg, hat bei seinem Abgang von Wikileaks einen Datensatz mitgenommen, auf dem sich die Datei findet.

Streit mit "Guardian"


Als die Zeitung "Der Freitag" vergangene Woche über ein "Leck bei Wikileaks" berichtete und darüber, dass sich das Passwort "leicht recherchieren" ließe, brachen über Twitter die Dämme und die Datei war endgültig geknackt. Wikileaks wirft nun Leigh vor, er habe "im vollen Wissen" das Passwort enthüllt. Und Domscheit-Berg, der mit Assange schwer im Clinch liegt, habe Journalisten Hinweise zur Öffnung der Dateien gegeben, ließ ein Wikileaks-Anwalt verlauten. Der Guardian dementierte: "Uns wurde gesagt, dass es ein zeitlich begrenztes Passwort sei, das binnen Stunden gelöscht werde."