Könnte ein Bürgerkrieg zwischen den Ethnien und Religionsgruppen Syriens ausbrechen?
Alle Gruppierungen – Sunniten, Alewiten, Christen, Drusen etc.  – wollen Demokratie und Menschenrechte. Manche Minderheiten haben Angst, ein Systemwechsel könne auf ihre Kosten gehen wie im Irak. Deshalb muss es schon jetzt ein politisches Programm und Parteien mit Visionen geben. Ein politisches Programm könnte auch islamischen Hintergrund haben, müsste aber für alle offen sein und darf sich nicht in die Lebensweise und Religion des Einzelnen einmischen. Die jetzigen Parteien sind zerstritten und wegen der jahrzehntelangen Unfreiheit in der Bevölkerung nicht verankert. Die religiösen Lager sind völlig unpolitisch.

Müssen sich die als privilegiert geltenden  Alewiten vor einem Ende des Regimes fürchten?
Nicht alle Alewiten sind privilegiert. Viele sind sogar wirtschaftlich benachteiligt und werden lediglich mit schlecht bezahlter Anstellung versorgt. Allerdings wird eine regimetreue Minderheit von ihnen politisch, wirtschaftlich und im Militär überprivilegiert. Alewiten sind Bürger Syriens wie alle anderen und daran wird nicht gerüttelt. Vor Freiheit und Rechtstaatlichkeit braucht sich niemand zu fürchten. Nicht zu vergessen ist, dass oppositionelle Alewiten im Gefängnis sitzen.

Was halten Sie von einem ausländischen Militäreinsatz wie in Libyen?
Er würde ein Hundertfaches an Opfern fordern. In Libyen waren die Garden Gaddafis und die Aufständischen geographisch getrennt. In Syrien ist das unmöglich. Weiters drohte Gaddafi mit einem Massaker in Benghazi und es gab ein glaubwürdiges Verlangen nach ausländischem Eingreifen im libyschen Volk. Nichts von all dem ist bisher in Syrien eingetreten. Vor allem aber muss der Arabische Frühling von allen Bevölkerungsschichten getragen werden. Bei einem militärischen Angriff besteht die Gefahr einer neuen Diktatur der Sieger. Selbst bei einem Erfolg ist Libyen kein Modell, sondern die Ausnahme. Ich befürworte ausländische Solidaritätsmaßnahmen.

Welche?
Solidaritätsbesuche bekannter Persönlichkeiten wären möglich. Der prominente Karikaturist Ali Ferzat, ein Freund meiner Familie, den ich persönlich kenne,  wurde zusammengeschlagen. Andere Star-Karikaturisten oder Diplomaten könnten ihn besuchen. Der über die Grenzen Syriens bekannte Gelehrte Scheich Usama al-Rifai wurde geschlagen. Was spricht gegen einen Besuch einer Delegation aus dem Vatikan? Damit würde man unglaublichen Druck auf das syrische Regime ausüben, ohne sich in seine inneren Angelegenheiten einzumischen.

Sollte man den syrischen Botschafter ausweisen?
Jedenfalls sollte die syrische Botschaft laufend kontaktiert und befragt werden, um den Druck zu maximieren. Das Regime könnte man drängen, Reformen einzuleiten und Freiheiten zu zulassen.

Und Sanktionen?
Alles, was nicht die Bevölkerung trifft, ist zu begrüßen.

Was kann Österreich tun?
Das Außenministerium könnte aufgrund seiner historischen Stellung eine Schlüsselrolle in der EU übernehmen. Die Sympathie für Österreich im arabischen Raum wäre eine Chance. Das Außenministerium müsste so vorgehen, wie Alois Mock am Ende des Kommunismus im Ostblock.