Kabul. Die afghanischen Taliban nutzen die Empörung über die Verbrennung von Koran-Schriften, um die Afghanen zu Gewaltakten gegen die ausländischen Truppen aufzustacheln. Am Donnerstag erschoss ein afghanischer Soldat zwei NATO-Soldaten auf einem US-Stützpunkt in der östlichen Provinz Nangarhar.

Wie aus Militärkreisen weiter verlautete, hatten sich vor dem Stützpunkt Demonstranten versammelt, um gegen die Verbrennung der Bücher zu protestieren. US-Präsident Barack Obama bat seinen afghanischen Kollegen Präsident Hamid Karzai um Entschuldigung. Der Zwischenfall sei ein unabsichtliches Fehlverhalten gewesen. Karzai sagte dazu, aus seiner Sicht habe der verantwortliche Offizier ignorant und mit wenig Verständnis für die Bedeutung des Korans gehandelt.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich bestürzt, dass durch die Koranverbrennung "die Gefühle vieler Menschen in Afghanistan verletzt wurden". "Deutschland und alle unsere Vertreter in Afghanistan empfinden tiefen Respekt für den Islam, seine Anhänger und seine Schriften", erklärte der Minister.

Am Dienstag hatten afghanische Arbeiter beim Durchwühlen einer Müllhalde am Militärstützpunkt Bagram rund 75 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Kabul verkohlte Exemplare des Koran gefunden. Der Koran gilt den Muslimen als direktes Wort Gottes und die Verbrennung des Buches als Schändung. Schon kurz nach dem Bekanntwerden des Fundes gingen in mehreren Landesteilen Tausende Menschen auf die Straße. Bei den Protesten wurden mindestens elf Menschen getötet und 17 verletzt. In mehreren Fällen hatten afghanische Polizisten oder Soldaten auf die Demonstranten geschossen.

Die radikal-islamischen Taliban riefen ihre Landsleute und besonders Soldaten und Polizisten auf, sich gegen die NATO-Truppen und alle westlichen Ausländer zu erheben. "Unsere tapferen Leute müssen die Militärstützpunkte der Eindringlinge ins Visier nehmen, ihre Militärkonvois und Streitkräfte", heißt es in einer im Internet verbreiteten Erklärung der Taliban. Die Afghanen sollten die Ausländer töten, schlagen oder gefangen nehmen, um ihnen eine Lektion zu erteilen, damit sie nie wieder den Koran schändeten. Speziell an die Soldaten und Polizisten erging die Aufforderung, "ihre religiösen und nationalen Pflichten zu erfüllen, indem sie ihre Waffen gegen die ausländischen ungläubigen Eindringlinge richten".

Die Protestaktionen hielten auch am Donnerstag an. In Kabul warf eine kleine Gruppe von etwa 500 Demonstranten dabei mit Steinen und Stöcken. Polizisten und in Zivil gekleidete Sicherheitskräfte trieben sie auseinander, indem sie dicht über ihre Köpfe hinwegschossen.

In der Provinz Farjab an der Grenze zu Turkmenistan demonstrierten rund 400 Menschen vor einem von Norwegen geführten Militärstützpunkt. Sie warfen mit Steinen und setzten Autos in Brand. Auf dem Stützpunkt sind rund 500 Soldaten und Zivilisten aus Norwegen, Lettland, Mazedonien, Island und den USA. In der östlichen Provinz Kapisa richteten sich die Proteste gegen eine französische Militärbasis. Die Demonstranten seien dort aber von der Polizei vertrieben worden, sagte Polizeichef Abdul Hamid.