Kabul. Eigentlich hätte der 17. Juli das Potenzial für einen zukünftigen Nationalfeiertag Afghanistans. An diesem Tag wurde der Bericht des Geologischen Dienstes der USA (USGS) bekannt und mit ihm langjährige Vermutungen erstmals wissenschaftlich bestätigt: Afghanistan verfügt über unglaubliche Rohstoffvorkommen. Der Wert wird mit ein bis drei Billionen Dollar beziffert - schon der niedrigere stellt das 33-Fache des jetzigen jährlichen BIP des kriegsgebeutelten Landes dar. Und das sind nur die vorsichtigsten Schätzungen.

Die Vorkommen an Erzen, Kupfer, Gold und Lapislazuli, aber auch dem seltenen Lithium holten das Land vor zwei Monaten schlagartig aus der Vergessenheit zurück ins Blicklicht von Investoren. Doch wer in Afghanistan bereits mit Klunkern in den Augen aufsprang und auf sprudelnde Gewinne innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre hoffte, konnte sich zunächst erst mal wieder setzen. Denn nahezu zeitgleich mit der Veröffentlichung des USGS-Berichts wurden auch erste Abgesänge auf den Ressourcenboom angestimmt. Die großen Player der Bergbaubranche wie BHP Billiton oder Vale haben nach Vorlage der Halbjahresbilanzen 2012 schon in ihren Hauptmärkten alle Investitionen zurückgefahren. Lust auf neue Projekte? Fehlanzeige. Angesichts sinkender Preise für Industriemetalle und der schwächelnden globalen Konjunktur wagt sich kaum noch jemand aus der Deckung.

"CEOs statt Generäle"

Mehr Verlass ist hingegen kurzfristig auf geopolitische Interessen. So zanken sich nun vor allem China und Indien um Einfluss im Land am Hindukusch. Schon bisher dominierten die Chinesen den Bergbau in Afghanistan. Bereits 2009 sicherten sie sich die Aynak Kupfermine südöstlich von Kabul, ein Drei-Milliarden-Dollar-Projekt. Laut Vertrag mit dem afghanischen Bergbauministerium sollen - voraussichtlich bereits ab 2014 - 220.000 Tonnen Kupfer jährlich gefördert werden und das Land dafür eine Förderabgabe von bis zu 19,5 Prozent erhalten. Ein guter Deal für Afghanistan, der laut Bergbauexperten internationalen Standards entspricht und Umweltschutz einbezieht.

Indien geht mit der Devise "CEOs statt Generäle" auf die Suche nach Investoren für Afghanistan. Das Vorhaben gestaltet sich aber nicht allzu einfach. Einerseits ist man sich bewusst, mit welcher Konkurrenz man es zu tun hat, und dass die Abwicklung der Förderlizenzen mit der afghanischen Regierung kein Spaziergang ist. Andererseits müssen sich die meisten indischen Bergbaufirmen erst zu Konsortien zusammenschließen, um die notwendigen Investitionssummen aufzubringen. "Eine Summe unter 100 Millionen Dollar macht keinen Sinn", sagt ein indischer Experte der "Wiener Zeitung". Aktuell hat sich ein indisches Konsortium für die Shaida Kupfermine in Westafghanistan beworben. Dass die Inder ihre Ambitionen durchaus ernst meinen, zeigt eine Vereinbarung, die letzte Woche am Rande des Gipfels der Blockfreien Staaten zwischen Indien, Iran und Afghanistan getroffen wurde: Der Hafen Tschahbahar im Südosten Irans soll als Alternative zu Karatschi ausgebaut werden. Somit könnte Indien den bisher unüberwindbar scheinenden Weg via Pakistan vermeiden.

Das afghanische Bergbauministerium hat heuer vier Mineralvorkommen ausgeschrieben. Die Regierung bewirbt die Projekte damit, dass sie in "stabilen Provinzen" liegen und eine "Minen-Schutz-Einheit" für Sicherheit sorgt. Den Großteil der Ausschreibungsunterlagen nehmen jedoch Zukunftspläne ein. Es fehlt an einfachster Infrastruktur. Vor allem das für den Rohstofftransport kritische Bahnnetz ist kaum ausgebaut: Es besteht aus ein paar Kilometern, die vor Jahren von den Nachbarländern in das Land gelegt wurden - noch dazu in drei verschiedenen Spurbreiten. Die Straßenkarte gleicht einem Fleckenteppich, nicht weniger kritisch ist die Stromversorgung.

Trotz der Probleme werden die Afghanen aber kaum auf ihren Rohstoffen sitzen bleiben. Die Beteiligung an den Ausschreibungen ist rege und international. So bleibt die Hoffnung, dass die Afghanen ihren potenziellen Feiertag unter Tage begehen.