Der Kamera-Assistent von Yara Saleh wurde von den Aufständischen erschossen. Der Rest des Fernseh-Teams wurde erst nach sechs Tagen von der syrischen Armee befreit. - © Thomas Seifert
Der Kamera-Assistent von Yara Saleh wurde von den Aufständischen erschossen. Der Rest des Fernseh-Teams wurde erst nach sechs Tagen von der syrischen Armee befreit. - © Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Yara Saleh, Sie sind Journalistin beim syrischen Nachrichtensender Al-Ikhbariya und wurden am 10. August im Norden von Damaskus gemeinsam mit ihren Kollegen gekidnappt. Was ist da passiert?

Yara Saleh: Unser Konvoi wurde bei Al-Tal gestoppt, und wir - Fahrer, Kameramann, Kameraassistent und ich - wurden von einer Gruppe bewaffneter Männer in Gewahrsam genommen.

Wie lange waren Sie in der Gewalt der bewaffneten Kämpfer?

Sechs Tage. Zwei Stunden, nachdem sie uns gekidnappt hatten, haben sie unseren Kameraassistenten erschossen. Ich sehe jetzt noch das Gesicht meines getöteten Kollegen vor mir. Ich sehe die Waffen, die bärtigen Männer.

Waren Sie Zeugin des Mordes an ihrem Kollegen?

Nein.

. . . einer der Geiselnehmer sagt in einem Video, er sei bei durch den Beschuss mit Armee-Granaten ums Leben gekommen. . .

Ich habe Schüsse gehört, nach vielleicht zehn Minuten kommt der Fahrer. Ich frage: "Wo ist Hatem?", er sagt, dass sie ihn erschossen haben. Die Geiselnehmer haben immer wieder damit gedroht, uns umzubringen. "Wir werden euch töten, besonders dich, denn du bist der Kopf der Schlange dieses Teams!" Das waren religiöse Fanatiker, sie haben gemeint, sie kämpfen, um zu sterben, um ins Paradies zu kommen. Unser Kameramann ist Christ, ihn haben sie gezwungen, wie ein Moslem zu beten. Und mich haben sie in einen Hejab gesteckt, ich musste also meine Haare mit einem Kopftuch bedecken. Ich respektiere Frauen, die den Hejab tragen, aber ich trage ihn eben nicht. Dazu soll mich niemand zwingen können.

Wie wurden Sie in Gefangenschaft behandelt?

Sie haben dieses Spiel mit uns gespielt, haben uns in Panik versetzt, nur um uns danach wieder zu beruhigen. Zuerst sagten sie zu uns: "Wir werden euch töten, wir werden euch in Stücke reißen." Wir hatten natürlich Todesangst. Dann: "Wir werden euch bald freilassen." Also beruhigten wir uns wieder. Dann wieder Todesdrohungen. Beruhigung. So ging das die ganze Zeit. Es war ein schmutziges Spiel. Ich habe zu ihnen gesagt: "Ihr dürft uns nicht töten, nur weil wir unsere eigene Meinung haben. Das ist keine Freiheit." Freiheit, das heißt doch, die Meinung des anderen zu respektieren, nicht?

Sie wollen weiter aus umkämpften Gebieten berichten?

Ich bin ja nicht die einzige Frau, der das passiert ist. Viele junge Frauen sind vergewaltigt und getötet worden. Ich nicht, ich hatte Glück. Ich habe mit ihnen verhandelt, gebettelt, dass sie mich nicht vergewaltigen.

Konnten Sie eruieren, welche Nationalität ihre Kidnapper hatten? Waren es Syrer?

Sie haben mir gesagt, sie kämpfen gegen das Regime. Einer von ihnen war Saudi, ein zweiter Libyer, zumindest dem Akzent nach. Aber genau kann ich es nicht sagen, sie haben ja nicht viel geredet. Aber die meisten waren Syrer. Leider.

"Times"-Reporterin Marie Colvin und der französische Fotograf Remi Ochlik starben durch eine Granate der syrischen Armee, sie hatten versucht, von der Seite der syrischen Rebellen zu berichten. Der Fotograf Paul Conroy und die Journalistin Edith Bouvier vom "Figaro" wurden verwundet. Und das sind nur Beispiele. Es gibt Gewalt gegen Journalisten von allen Seiten.

Ich bin gegen Angriffe auf Journalisten. Journalisten müssen frei berichten können. Im Krieg kann man umkommen. Eine Kugel reicht. Aber ich denke, wer Journalisten kidnappt, der weiß, was er tut.

In Gefangenschaft haben Sie in einer Videobotschaft gesagt, dass sie gut behandelt werden.

Sie haben mich gezwungen, viele Dinge zu sagen. Sie haben eine Waffe an den Kopf meines Kollegen gehalten. Ich habe ja gewusst, was mit unserem Kamera-Assistenten geschehen ist.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Wie sehen Sie ihre Rolle im Propagandakrieg in Syrien?

Es gibt keine objektiven Medien. Das ist eine Illusion. Aber man kann sich bemühen, zu 90 Prozent objektiv zu sein, das ist besser, als zu zehn Prozent objektiv zu sein. Ich wollte ja auch von der Rebellenseite berichten. Ich wollte aus Al-Zabadani berichten, in Südwesten von Syrien. Aber damals haben mich die Rebellen festgehalten. Man muss versuchen, die Wahrheit zu ergründen. Al Jazeera, al Arabiya, viele arabische Nachrichtensender sind gegen Syrien. Sie schaffen Realitäten, die gar nicht existieren. Sie sagen: "Damaskus brennt". Aber sehen Sie aus dem Fenster: Damaskus brennt nicht. Teile von Damaskus brennen, das stimmt. Aber nicht ganz Damaskus.

Wie wird es mit dem Konflikt in Ihrem Land weitergehen?

Nicht, weil ich die Regierung unterstütze, sage ich, dass nur die Armee und die Sicherheitskräfte Waffen tragen sollen. Wir müssen die Kämpfe beenden. Wenn ich mit der Regierung darüber reden will, weiß ich, wen ich fragen muss. Aber bei den Rebellen? Ich war bei ihnen und ich weiß, dass sie keine Führung haben. Ich glaube, Dialog ist der einzige Weg, sonst verlieren wir alles. Jene Länder, die im Konflikt in Syrien mitmischen, verlieren gar nichts. Aber wir: Wir verlieren unsere Menschlichkeit, unser Söhne, unsere Töchter. Die Spirale der Gewalt ist ohne Ende. Wir müssen aufhören und den Dialog beginnen. Aber wenn man es nicht schafft, die andere Seite zu überzeugen, dann muss man sich verteidigen. Wenn wir uns nicht verteidigen, werden wir getötet.