Präsident Mohammed Mursi verurteilte die Unruhen in Kairo zunächst zögerlich. - © REUTERS
Präsident Mohammed Mursi verurteilte die Unruhen in Kairo zunächst zögerlich. - © REUTERS

Ägyptens neuer Präsident Mohammed Mursi ist nicht zu beneiden. Noch nicht einmal 100 Tage im Amt, kämpft er bereits an allen Fronten. Zunächst focht er den Machtkampf mit dem Militärrat aus und entließ die alten Generäle. Die Spannung stieg. Nicht wenige erwarteten eine heftige Gegenreaktion der Militärs, doch die Lage blieb ruhig. Jetzt, gut zwei Monate später, folgen die Straßenkämpfe.

Doch nicht etwa Anhänger der Militärs, des alten Regimes oder der jungen Revolutionäre sind in Kairo wieder auf den Straßen rund um den Tahrir-Platz. Es sind radikale Islamisten und Salafisten. Ein Video-Clip auf YouTube, der den Propheten Mohammed verunglimpft, wird benutzt, um in Arabiens Revolutionsländern Politik zu machen. Konsens wird erzielt durch Antiamerikanismus, Israelfeindlichkeit und Feindschaft zum christlichen Westen schlechthin.

Mobilisiert wurde der Protest in Ägypten vor allem auch über verschiedene TV-Sender der Salafisten - besonders Salafistenführer Wesam Abdel-Wareth machte auf seinem Kanal "El-Hekma" Stimmung. Für den Muslimbruder Mursi ist dies eine verzwickte Situation, handelt es sich doch bei den Aufrührern eigentlich um seine Glaubensbrüder. So ist sein anfängliches Zögern zu erklären, die Kairoer Unruhen zu verurteilen.

Die Salafisten sind in Arabien die am schnellsten wachsende Gruppe. Bei den Parlamentswahlen in Ägypten holten sie aus dem Stand ein Viertel der Stimmen, sind aber nicht an die Macht gekommen. Für die Muslimbrüder sind die von Saudi-Arabien und Katar unterstützten Islamisten zu radikal. Während Mursi und seine Leute einen moderaten Islam verfolgen, predigen die Salafisten eine rigide Auslegung. Konfliktstoff genug für unterschiedliche Interpretationen. Jetzt tun die Radikalen das, was in Revolutionen oder Umbruchsituation oft passiert: Sie wollen sich mit Gewalt nehmen, was sie auf demokratischem Weg nicht erreichen konnten. Die Kämpfe auf dem Sinai, die Anfang August begannen und noch immer toben, sind ebenfalls in diese Kategorie einzuordnen.

Liberale vs. Islamisten


Es ist also nicht die Konfrontation zwischen Liberalen, Säkularen, Revolutionären und Islamisten, die Ägypten derzeit heimsucht, sondern die Auseinandersetzung zwischen radikalen und moderaten Muslimen. So sind die Salafisten auch in Ägypten nahezu täglich in den Schlagzeilen, nicht nur in Europa. Seit dem Sturz Hosni Mubaraks und dem überraschenden Stimmengewinn der Salafistenpartei Al-Nur bei den ersten freien Parlamentswahlen treten ihre Mitglieder immer deutlicher und bestimmter auf.

Noch nie gab es am Nil so viele langbärtige Männer in langen, weißen Gewändern auf den Straßen. Begleitet werden sie von bis auf einen Augenschlitz voll verschleierten Frauen. "Die neue Freiheit nach Mubarak gibt uns die Möglichkeit, einen Platz in der Gesellschaft zu finden", begründet TV-Moderatorin Abeer Shahin das neue Selbstbewusstsein der Verschleierten. Zwar war in Ägypten schon seit Ende der 1980er eine zunehmende Islamisierung zu beobachten, doch Frauen mit Gesichtsschleier, dem Niqab, passten nicht ins Bild des von der Regierung propagierten modernen Staates. Vollverschleierte durften nicht an Universitätsexamen teilnehmen und hatten keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Jetzt gibt es sogar einen TV-Sender mit voll verschleierten Moderatorinnen. Shahins Sender "Maria-TV", benannt nach einer der zwölf Frauen Mohammeds (einer Christin), sendet sechs Stunden täglich.