Und die USA?

Die sind das genaue Gegenteil davon. Die USA sind nicht in der Lage, auch nur kleine Entscheidungen zu treffen. Und schon gar nicht sind sie in der Lage, eine Entscheidung über das zu treffen, was das Land meiner Meinung nach am dringendsten brauchen würde, nämlich einen Einkommenstransfer von den Reichen zu den Armen. Hier eine gerechtere Verteilung zu erreichen, ist unumgänglich, wenn man weiterhin Wachstum sichern will. Denn man braucht Kaufkraft, um garantieren zu können, dass es auch in Zukunft Käufer für die Produkte der US-Wirtschaft gibt. Im Moment ist die Kaufkraft vor allem auf eine kleine Elite beschränkt. Hinzu kommt, dass die Amerikaner diesen riesigen Schuldenberg haben. Und um diesen abzuzahlen, werden sie ihre Wirtschaft so umstrukturieren müssen, dass diese etwas produziert, das die Chinesen kaufen wollen.

Wie wird Europa in den nächsten 40 Jahren abschneiden? Wir betonen immer wieder, dass wir vielleicht nicht die Nummer eins bei der Produktivität oder bei Innovationen sind, aber dass wir die Nummer eins bei der Lebensqualität sind.

Europa wird in den nächsten 40 Jahren in der Mitte zwischen den USA und China liegen. Auch unser Politiksystem ist nicht perfekt, aber es ist besser als in den USA. Zum Beispiel haben die Europäer bei der Bekämpfung des Klimawandels unglaubliche progressive Dinge auf die Beine gestellt. Und was die Lebensqualität betrifft, stimmt das wahrscheinlich. Es ist ein Faktum, dass die Produktion von Waren und Dienstleistungen pro Person in Europa geringer ist als in den USA, aber wenn man sich das nicht pro Jahr, sondern pro Arbeitsstunde ansieht, liegt Europa voran. Man bemerkt das, wenn man in die USA kommt und die Leute dort von sehr früh bis spätabends im Büro sitzen. Es gibt dort auch noch einen sehr großen Anteil an traditioneller manueller Arbeit. Eine US-Bank ist ein skurriler Ort im Vergleich zu einer Bank in meinem Heimatland Norwegen, die eigentlich ein Computer ist. Auch Tradition ist ein wichtiges Element der Lebensqualität, ebenso wie Stabilität. In Europa können Sie dort leben, wo auch ihre Eltern und Großeltern gelebt haben. Wir haben viele Qualitäten in diesem Teil der Erde, die über Generationen hinweg angesammelt werden mussten.

Wäre es also nicht notwendig, die Lebensqualität über das BIP-Wachstum zu stellen?

Nicht notwendig, aber sehr schlau und auch sehr attraktiv. Und es wird voraussichtlich zu viel mehr Glück führen, als wenn wir diese idiotische Idee weiter verfolgen, unsere Einkommen immer weiter zu steigern. Da wir das in den nächsten 40 Jahren ohnehin nicht durchhalten werden, sollten wir stattdessen das Wohlergehen der Menschen zum Ziel machen. Ich habe da diese kleine Anekdote aus Dänemark. Da wurden bei den Lohnverhandlungen 700.000 Gewerkschaftsmitglieder gefragt, ob sie 3 Prozent mehr Lohn wollen oder lieber 3 Prozent weniger Arbeitszeit. 70 Prozent der Beschäftigten haben damals erklärt, dass sie viel lieber weniger lang arbeiten würden. Wenn man es legitim machen würde, über solche Dinge zu sprechen, wären wohl sehr viele Menschen interessiert.

Eine der größten globalen Sorgen der vergangenen 40 Jahre war wohl auch die Überbevölkerung. Überraschenderweise prophezeien Sie nun, dass die Weltbevölkerung nicht so stark anwachsen wird wie gemeinhin befürchtet, sondern sich bei rund 8,1 Milliarden stabilisiert. Nimmt das nicht viel Druck von unserem Planeten?

Ja. Das ist eine riesige Hilfe, und es ist auch eine riesige Hilfe, dass das überwiegend auf freiwilliger Basis passiert. Der Grund, warum sich die Bevölkerung bei 8,1 Milliarden stabilisiert, ist meiner Prognose zufolge nicht, dass die Menschen an Hunger sterben. In den reichen Ländern werden sich Frauen weiterhin eher für einen Job als für viele Kinder entscheiden. Auch wenn die Demografen hoffen, dass es hier ein Ende gibt, wird sich die Entwicklung fortsetzen und wir werden wohl unter dem Erhaltungsniveau von zwei Kindern pro Frau bleiben. In der armen Welt wird sich das Problem vielfach durch die massiv steigende Urbanisierung lösen. Die Menschen dort mögen zwar arm sein, aber sie sind nicht dumm. Sobald sie in die Stadt ziehen, entdecken sie sehr schnell, dass es keinen Sinn macht, viele Kinder zu haben. Wenn man landwirtschaftlich tätig ist, sind viele Kinder eine Hilfe, aber in der Stadt ist es nur ein Maul mehr, das man stopfen muss.

Die einfachste Frage zum Schluss: Was muss getan werden, um die Welt zu retten?

Ich habe vier Ratschläge. Zuerst weniger Kinder haben. Dann den Verbrauch von Kohle und Gas dramatisch einschränken, vor allem in der reichen Welt. Drittens sollten die Industrieländer ihre Entwicklungshilfemittel dafür verwenden, in den armen Ländern ein emissionsarmes Energiesystem zu schaffen. Und viertens sollten wir supranationale Institutionen etablieren, die ein Gegengewicht zum kurzfristigen Denken der Nationalstaaten bilden. Besonders wichtig wäre das bei der Regulierung des globalen Treibhausgasausstoßes.

Werden wir das schaffen?

Nein.