"Wiener Zeitung":

Dmitri Trenin sieht die Russen erwachen und sich neu orientieren. - © Stanislav Jenis
Dmitri Trenin sieht die Russen erwachen und sich neu orientieren. - © Stanislav Jenis
Viele sprechen vom 21. Jahrhundert als das Jahrhundert Asiens. Wie meistert Russland eine Umorientierung Richtung Osten?

Dmitri Trenin: Beginnen wir mit der Geschichte: Russland hat etwa China nie als stark, sondern immer nur als schwach gekannt. Man sah immer auf China herab. Jetzt ist genau das Gegenteil der Fall - und das geschah innerhalb etwas mehr als einer Dekade. Dennoch ist vermutlich Russland eines der wenigen Länder, das aufgrund des Aufstiegs von China nicht in Panik verfällt. Das mag an der Historie liegen, oder dass man glaubt, selbst wieder aufzusteigen, oder - und darüber wird nie gesprochen - an Rassismus. Der Erfolg Chinas wird aber vor allem in jenen Gebieten anerkannt, in denen Russland keinen hat, so etwa im Ausbau der Infrastruktur oder Chinas vergleichbar hohen BIP-Wachstumsrate. Man erkennt also an, dass China ein "großer Junge" geworden ist, hat aber keine Angst vor ihm. Russland muss sich auch auf andere asiatische Wachstumsländer fokussieren wie etwa Indien oder Vietnam, da Europa Jahre brauchen wird, bis es seine Probleme gelöst hat. Man will natürlich den Gashandel diversifizieren. Zudem sollen die Länder, die in Russland investieren und dadurch ihre Technologien teilen, breiter gefächert werden. In Frage kommen Japan, Südkorea oder Singapur.

Hilft die Kooperation mit asiatischen Ländern bei der Diversifizierung der russischen Wirtschaft weg von Energie?

Die wachsende Kooperation bringt neue Exportländer für Russland, aber diversifiziert nicht die russische Wirtschaft selbst. Das geht ohnehin nur, wenn sich das politische System Russlands ändert. Ohne Änderung des Systems gibt es keine wirtschaftliche Diversifizierung.

Wie könnte so eine Änderung vonstatten gehen? Und wer soll die Änderungen durchsetzen?

Mir persönlich ist egal, wer Russland regiert. Wenn Präsident Wladimir Putin das Paradies auf Erden schaffen kann, dann werde ich ihn unterstützen. Aber das Problem Russlands und Putins ist, dass er das vermutlich nicht tun kann. Es liegt am politischen und sozioökonomischen System Russlands, das zu Hindernissen für Entwicklung wurde. Es steht außer Frage, dass man die Wirtschaft diversifizieren will, Investitionen sucht und Innovationen unterstützen will. Aber die Realität ist, und das wurde von Putin und anderen Regierungsmitgliedern zugegeben, dass die Regierung einem System vorsteht, dem man - um auch nur irgendetwas tun zu können - mindestens 50 Prozent in Form außertourlicher Zuwendungen zahlen muss. Nun ist die Frage: Kann man eine Wirtschaft diversifizieren, die auf Korruption basiert, die ins System eingebaut ist?