Straßenszene in Berg-Karabach 1993: Der Krieg kann jede Minute wieder ausbrechen. - © corbis
Straßenszene in Berg-Karabach 1993: Der Krieg kann jede Minute wieder ausbrechen. - © corbis

Stepanakert. Der schwere Helikopter des sowjetischen Typs Mi-8 steuert über tiefen Schluchten an herbstlich bunt gefärbten Berghängen vorbei zum neu gebauten Flughafen Stepanakert. Seit mehr als einem Jahr sind 2,1 Kilometer Landebahn, Tower, Passagierhalle fertig. Der Airport fehlt auf der IATA-Liste - so wie die ganze Republik Berg-Karabach auf politischen Weltkarten. Denn der 1991 gegründete Staat wird nur von Armenien anerkannt. Für eine Stunde aber sind beide Checkin-Schalter mit Mädchen in blau besetzt, stehen Zöllner bereit, warten Bildschirme auf das Handgepäck. Alles nur Chimäre, Fürst Potemkin lässt grüßen. Denn der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan blockiert jeden zivilen Linienverkehr.

Noch ist es ein Krieg der Worte. Jede Linienmaschine werde abgeschossen, drohte Baku. Im ersten Linienflugzeug von Jerewan nach Stepanakert werde er selber sitzen, antwortete Sersch Sarkissjan, Präsident Armeniens - der aus Karabach stammt und einer der Oberbefehlshaber der siegreichen "Selbstverteidigungskräfte" im armenisch-aserischen Krieg 1992/94 war.

Fragiler Friede


An dieser Front im Südkaukasus stehen einander die Erben eines ehemaligen Großreichs mit der ältesten christlichen Staatskirche und ein nach dem Ersten Weltkrieg von Lenin mit den Jungtürken - die 1915/16 wenigstens eine Million Armenier massakriert hatten - paktierten islamischen Staatsgebilde gegenüber. Die Armenier nennen die Aseri "Türken". Jerewan und Baku betonen in der UNO, im Europarat, in der OSZE gebetsmühlenartig ihrer Bereitschaft, in Verhandlungen den nach einem Waffenstillstand unter Moskauer Diktat "eingefrorenen" Krieg zu beenden. Doch mehren sich die Zeichen, dass sich das ölreiche Aserbaidschan die ihm seit 1988 - seit dem ersten noch innersowjetischen Aufstand seiner armenischen Untertanen - entzogenen Gebiete zurückholen will.

In Stepanakert hat sich die im September 1991, drei Tage nach Aserbaidschan, unabhängig erklärte Republik Berg-Karabach (RNK) behaglich eingerichtet. Keine Spur von Spannung oder Angst im neu gebauten Parlamentsgebäude oder im Basar. Der Anteil von Mercedes und BMW auf den Straßen nähert sich südeuropäischen Werten. Vom Krieg sieht man hier nur mehr Plakate an Hauswänden, die an das 20-Jahr-Jubiläum seines Beginns erinnern. Auf den breiten Gehsteigen der "Straße der Freiheitskämpfer" flaniert die Jugend an den Schaufenstern internationaler Outlets vorbei. McDonalds ist noch nicht angekommen. Trotzdem sagt man, Stepanakert sei für Junge schon lustiger als Jerewan. Mit Hilfe Jerewans und der armenischen Diaspora - sechs Millionen zwischen Aleppo und Vancouver - wurde die Hauptstadt herausgeputzt. Als Schaufenster.

Während sich in Aserbaidschan unter dem 2003 gestorbenen Präsidenten Haydar Aliyev und dessen Sohn und Nachfolger Iham Aliyev ein autoritäres Regime verfestigte, bauten die Armenier in Berg-Karabach nach einem Referendum 2006 eine vorbildlich demokratische Staatsstruktur auf. Die Todesstrafe wurde 2003 abgeschafft. Wie weit gilt die ordentliche Gewaltentrennung für die zweimal größere Fläche der zusätzlich zur ehedem autonomen aserischen Region Nagorno-Karabach besetzen Gebiete? Das will der Parlamentspräsident Ashot Ghoulian im Interview nicht präzisieren. "Auch dieses Gebiet ist Karabach." Mit einer zivilen Verwaltung? "Ja." Nach aserischer Darstellung stehen die besetzten Gebiete unter Militärkommando. Das Liegenschaftsamt in Stepanakert wird bewacht wie eine Kaserne.

Brutaler Konflikt

Berg-Karabach

Vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz wurde der Konflikt in einer Studie 2011 dargestellt (Christoph H. Benedikter: "Brennpunkt Berg-Karabach", Studienverlag). Aserbaidschan verlor 13,4 Prozent seines Territoriums, 724.000 Aseris wurden aus Armenien, Berg-Karabach und den umliegenden Bezirken vertrieben. Es gab 12.000 Tote, noch immer leben Flüchtlinge in Lagern. Armenien beklagt ebenso viele Tote, 300.000 bis 500.000 Armenier wurden aus Aserbaidschan bzw. armenischen Grenzgebieten vertrieben. 9000 bis 12.000 fanden eine neue Heimat im eroberten Territorium. Doch der Großteil ist "unbewohnt und weitestgehend devastiert". Dass auch die besetzten Gebiete altes Armenierland sind bezeugen Kirchen und Klöster, die den Kommunismus überdauert haben. Noch 2005 zerschlugen die Aseri in ihrer Enklave Nakitsewan trotz Unesco- und Europarat-Protesten Tausende antike Kreuzstelen.

Im Helikopter überfliegt man Streusiedlungen, von denen nur mehr Fundamente und Mauerreste weiß heraufleuchten. Alles Land hat dem kommunistischen Staat gehört. Darum haben die Vertriebenen keine Rechtsansprüche. Ein peinliches Siegesmal wurde in Wank unter dem perfekt restaurierten Bergkloster Gandzasar aufgebaut. Dieses Dorf genießt die Förderung eines in Russland reich gewordenen Armeniers. Er finanziert Schulen, Fabriken und einen Freizeitpark. Die Wände an den Straßen im Gemeindezentrum bedecken Autonummerntafeln Getöteter oder Vertriebener Aseri. Ein besonderer Hohn: Auch der Abgang zum öffentlichen WC ist derart dekoriert.