Das Staatliche Museum in Stepanakert bietet heute noch eine Heimatschau wie in Sowjettagen. Programmsätze in cyrillischen Buchstaben über den Vitrinen sind getilgt. Im kommenden Jahr wird ein Neubau begonnen, wurde der Direktorin Melanya Balayan versprochen. Sie sitzt unter einer Landkarte des armenischen Reichs zur Zeit der Christianisierung unter dem Arsakiden-König Trdat III. ab 298. Verwahrt sie auch aserisches Kulturgut? "Die Türken haben nichts." Zwei Bildteppiche sind aufbewahrt. Einer zeige Aserbaidschans Revolutionshelden Nariman Narimanov - der es ins Politbüro nach Moskau gebracht hat - neben Lenin. Viele Goldfunde aus der Antike liegen in der Eremitage in St. Petersburg.

"Wir sind froh und frei"

Die Aseri hatten die Mehrheit in der Festungsstadt Schuschi. Von hier wurde das nahe Stepanakert unter Beschuss genommen. Seit dem letzten Lokalaugenschein vor zehn Jahren wurden nur wenige der zerstörten Gebäude instand gesetzt. Hinter der verfallenden großen Moschee ein Trümmerviertel. Erzbischof Pargev steht vor der in neuem Glanz strahlenden Erlöserkirche von Schuschi. Wie nimmt seine Gemeinde das Eingeschlossen-Sein auf, denn die "Welt" beginnt erst sechs Autostunden weiter in Jerewan. "Wir haben die Blockade schon seit 1988. Man hat sich der Situation ein bisschen angepasst. Aber wir sind glücklich und froh - weil frei und unabhängig." Aserbaidschan und die Türkei haben die Grenzen zu Armenien geschlossen. Waren nach Europa müssen mit Trucks durch Georgien zum Schwarzmeerhafen Poti gefahren werden. Öl und Gas fließen in neuen Pipelines von Baku über Tiflis in die Türkei. Auch das unter OMV-Führung gestartete Nabucco-Projekt macht einen Bogen um Armenien.

Kommt der Krieg?

Immer mehr armenische Karten zeigen die besetzten Gebiete integriert in eine "Republik Artsak", welche den 1994 fixierten Korridor von Lachin (nun zurückbenannt auf Berdzor) als Landbrücke zu Armenien nicht mehr braucht. Artsak ist ein älterer Name für ganz Karabach. Die Grenzen zu Aserbaidschan werden von Armeniern gemeinsam mit der Protektionsmacht Russland bewacht. Dort mehren sich heuer die Zwischenfälle.

Nimmt die Kriegsgefahr zu? Aserbaidschan zahlt für seine Hochrüstung pro Jahr mehr, als das Staatsbudget Armeniens ausmacht. Israel liefert Waffen und schickt Ausbildner an Irans nördlichen Nachbarn. Der Aseri-Offizier Ramil Safarow schlug 2004 in Budapest bei einem Nato-Lehrgang mit einer Axt einem im Bett schlafenden armenischen Kollegen den Kopf ab. Nach kurzer Haft entließen ihn die Ungarn, in Baku bekam er sein Salär nachgezahlt und wurde wieder Major.

Kommt der Krieg? Nicht gegen den Willen der armenischen Schutzmacht Russland. Aserbaidschan wird von den USA gebremst. Ein Schlag Israels gegen den Iran könnte die Balance zum Kippen bringen. Aserbaidschan grenzt an Iran und ist aufgefüllt mit israelischen Arsenalen.