Ankara/Teheran/Wien. Hassan steht täglich um fünf Uhr auf und macht seine beiden Maulesel, die mit jeweils zwei großen Plastikkanistern für Benzin oder Diesel beladen sind, zum Abmarsch in die Berge bereit. Hunderte andere junge Männer tun es ihm gleich. Die idyllische Ruhe trügt. Mit den Lasttieren werden in der Bergregion zwischen der Türkei und dem Iran jedes Jahr Millionen von Tonnen Treibstoff und Heizöl geschmuggelt.

Der 33-jährige Mann repräsentiert "das Abbild der ärmsten türkischen Straßenvagabunden", wie er sich selbst zynisch nennt. "Sie brauchen nicht glauben, dass es uns Spaß macht, täglich unser Leben aufs Spiel zu setzen, denn niemand weiß in der Früh, ob es eine Heimkehr am Abend gibt." Man könnte von iranischen Grenzsoldaten erschossen werden, in die Hände von irgendwelchen Banden fallen oder sonst irgendetwas. "Doch was sollen wir tun?", bilanziert er. "Wir brauchen das Geld, um unsere Familien ernähren zu können und hier in der Gegend gibt es kaum andere Verdienstmöglichkeiten."

Treibstoff ist bei weitem nicht das einzige Schmuggelgut. Mehr als fünf Tonnen Heroin, die aus Afghanistan über den Iran in die Türkei gelangen sollten, wurden hier an der Grenze in den letzten vier Jahren beschlagnahmt. Doch abgesehen von den türkischen Grenzbewohnern profitiert vor allem der Iran von der gemeinsamen Grenze. Hier rollen täglich mehrere hundert Lastkraftwagen mit Gütern aller Art über die Grenze und helfen dem schiitischen Gottesstaat, die westlichen Sanktionen wegen dem Atomstreit zumindest teilweise zu kompensieren.

"Elektrogeräte, Luxusgüter und Lebensmittel. Die Perser bringen alles rüber und die türkische Regierung drückt ein Auge zu. Sie möchten ja gar nicht wissen, was sonst noch alles die Grenze passiert", schmunzelt er. Obwohl die türkischen Grenzregionen zum Land am Persischen Golf streng bewacht werden, blüht der illegale Handel zwischen den beiden Staaten offensichtlich.

Schmuggel im Wert von vier Milliarden Dollar pro Jahr


Hassans Thesen bestätigen sich, wenn man mehrere Stunden an der Grenze verbringt: Ein Blick auf die drei Grenzübergänge zeigt, dass hunderte Lkw und Privatautos, die jeden Tag von einem Land ins andere fahren, jeglichen Sanktionen den Wind aus den Segeln nehmen. Auf rund vier Milliarden Dollar im Jahr soll sich der illegale Handel laut Experten belaufen. Diese Geldtransfers laufen meist nach demselben Prinzip ab: Der Käufer zahlt die Summe zuzüglich einer Kommission an einen Mittelsmann und schafft das Geld so aus dem Land. "Besonders gern lassen die Perser neuerdings auch türkische Unternehmen als Zwischenhändler für iranische Partnereinkäufe von Maschinen fungieren", ärgert sich Hassan und macht sich auf den Weg.