Während man in der Parteizentrale der Zukunftspartei schon nach den ersten Umfragen am frühen Abend zu feiern begann, wurde die Luft für Netanyahu am Wahlabend Stunde für Stunde dünner. "Man hört, dass in Likud-Bastionen weniger gewählt wird, als anderswo. Geht wählen, und lasst alles liegen und stehen", forderte der Ministerpräsident seine Anhänger am Nachmittag noch auf.

Dennoch ließen sich die meisten Likud-Wähler von den düsteren Prognosen nicht aus der Ruhe bringen. Auch der 54-jährige Raffael wollte trotz der Stimmenverlust seine Treue zur Partei betonen. "Ich habe mein Leben lang Likud gewählt. Und das bleibt so", sagte der Montage-Arbeiter im Parteizelt des Likud in Tel Aviv. Wie die meisten der Likud-Wähler, ist er Jude mit nahöstlichen Wurzeln, und Teil der israelischen Unterschicht. "Ich bin in einem armen Stadtviertel mit zwölf Geschwistern aufgewachsen. Der Likud hat auf uns aufgepasst, und Geld verteilt." Für das schlechte Abschneiden seiner Partei sieht er zwei Gründe: Netanyahus Bündnis mit der ethnisch-russischen Israel Beitenu, und die öffentlichen Attacken des Ministerpräsidenten gegen den Siedler-Vertreter Naftali Bennett und seine Partei "Jüdisches Heim".

Mitte-Rechts-Variante möglich
Dass die Zukunftspartei voraussichtlich zur zweitstärksten Kraft im Parlament geworden ist, könnte Netanyahu letztlich aber doch noch zum Gewinner machen. Manche vermuten bereits, dass der Ministerpräsident genau darauf spekuliert hat, denn zusammen mit Lapid könnte Netanyahu nun eine 50 Mandate starke Mitte-Rechts-Koalition bilden. Jede weitere Partei - ob weiter links, oder weiter rechts - müssten sich dann auf das einstellen, was Netanyahu und Lapid unter sich aushandeln. Nicht ausgeschlossen ist aber, dass sich Netanyahu für eine Rechts-Außen-Variante unter Einbeziehung von Bennett und der religiösen Shas entscheidet.