Gaddafi, als er noch wohlgelitten war: Zu Besuch im Elysee-Palast bei Präsident Nicolas Sarkozy (Archivbild). - © APAweb / EPA / Horacio Villalobos
Gaddafi, als er noch wohlgelitten war: Zu Besuch im Elysee-Palast bei Präsident Nicolas Sarkozy (Archivbild). - © APAweb / EPA / Horacio Villalobos

Tripolis/Wien. Eigentlich wollte die französische Journalistin Annick Cojean bei ihrer Reise nach Libyen im Oktober 2011 der Rolle der Frauen während der Revolution nachgehen, doch bei ihrer Recherche traf sie auf die heute etwa 23-jährige Soraya, die vom früheren Diktator Muammar al-Gaddafi höchstpersönlich um ihre Kindheit, Jugend und jegliche Zukunftsperspektive gebracht worden war.

Er hatte sie von ihrer Familie geraubt, als sie 14 Jahre alt war – und zu seiner Sexsklavin gemacht. Cojean zeigt in ihrem Buch "Niemand hört mein Schreien. Gefangen im Palast Gaddafis" auf, dass diese Vorgehensweise System hatte und Gaddafi so sein Volk mundtot machen konnte.

Die auf 294 Seiten enthüllten Informationen über einen Machtapparat, der sein Volk in Angst und Schrecken versetzte, schockieren nach wie vor, obwohl viele Fakten bereits bekannt sind. Gaddafi setzte nicht nur grausame Folter, Verfolgung und Ermordung zur Einschüchterung ein - sondern bedrohte libysche Frauen, Ehemänner, Offiziere und Diplomaten auch mit Vergewaltigung.

An eine Anklage oder Veröffentlichung dieser Taten war nicht zu denken. Zum einen hätte dies entweder für die Opfer selbst oder für Angehörige eine grausame Strafe - im schlimmsten Fall den Tod - durch Gaddafis Schergen bedeutet. Zum anderen sahen die von Gaddafi und seinen Männern geschändeten Frauen durch den Vorfall die Familienehre befleckt – und um diesen Umstand nicht noch zu verschlimmern, zogen die meisten Opfer und Familien Stillschweigen vor. Cojean liefert mit ihrem Buch ein Zeugnis der sexuellen Gewalt, von der auch die österreichische Journalistin Antonia Rados im Vorjahr in ihrer RTL-Dokumentation "Das Doppelleben des Diktators" berichtet hatte.

Cojean lässt in dem ersten Teil ihres Buches Soraya sprechen, die ihre Geschichte von ihrer Entführung bis ins Jahr 2011 detailliert schildert. Die Libyerin erzählt wie sie bei einem Besuch Gaddafis in ihrer Schule von ihm durch geheime Zeichen ausgewählt worden war und am nächsten Tag von drei seiner Leibwächterinnen von zuhause entführt worden war. Im Palast Gaddafis, Bab al-Azaziye, war sie mit anderen Mädchen gemeinsam eingeschlossen. Und ihr Wille wurde sukzessive durch brutale Misshandlung und Vergewaltigung, sowie Verabreichung von Drogen und Alkohol gebrochen, um sie für Gaddafi gefügig zu machen.

Einige Jahre später ist Soraya die Flucht mit Unterstützung ihrer Familie nach Paris gelungen. Aber dort war sie dermaßen dabei überfordert, sich ein neues Leben aufzubauen, dass sie ihre Chance verspielte und nach Libyen zurückkehrte. Schließlich kann sie nach Jahren des Schreckens wieder bei ihrer Familie wohnen, der sie aber bald zur Last wird: Die Eltern sind gebrochen über das Schicksal ihres Kindes, der Ruf der Familie ist in der gesamten Nachbarschaft ruiniert und die Brüder möchten Soraya am liebsten tot sehen. Sie hat unverschuldet Schande über ihre Angehörigen gebracht. Sie verlässt ihre Familie und sagt abschließend: "Ich möchte mir im neuen Libyen ein Leben aufbauen. Ich frage mich, ob das möglich ist."