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London/Pjöngjang. Kim Jong-un feierte am Donnerstag ein Jubiläum: Der nordkoreanische Führer beging den ersten Jahrestag seiner offiziellen Machtübernahme nach dem Tod seines Vaters Kim Jong-il. Die Parteimedien in dem abgeschotteten Land feierten Kim Jong-un, und auch international wurde dem jungen Diktator - er ist 29 oder 30, so genau weiß man das nicht - viel Aufmerksamkeit zuteil.

Wobei die Außenminister beim Gipfeltreffen der G8 (das sind die USA, Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich, Kanada, Japan und Russland) in London freilich keine Gratulationen nach Pjöngjang sandten. Vielmehr einigten sich die acht wichtigen Industrienationen darauf, dass sie den Druck auf Nordkorea erhöhen wollen. Ausschlaggebend sei, dass aus Nordkoreas martialischer Rhetorik "kein heißer Krieg wird", betonte der deutsche Chefdiplomat Guido Westerwelle. Dies wäre eine Gefährdung der globalen Sicherheitsarchitektur.

Doch auch dieser Appell wird wohl an der störrischen nordkoreanischen Führung abprallen. Kim Jong-un ist ganz in die Fußstapfen seines Vaters getreten und provoziert fortlaufend die Weltgemeinschaft. Der Start von zwei Langstreckenraketen sowie ein Atombombentest stehen während der Regentschaft des ehemaligen Schweizer Internatsschülers schon zu Buche. Und seit einem Monat schmettert das Regime in Pjöngjang Kriegsdrohungen Richtung Südkorea und USA.

Wenn die G8 also davon sprechen, dass sie den Druck auf Nordkorea erhöhen wollen, stellt sich die Frage, welche Mitteln sie dafür überhaupt noch in der Hand haben. Militärisch will niemand Nordkorea provozieren, da die Befürchtung viel zu groß ist, dass die Lage in dieser sensiblen Region eskaliert.

An Sanktionen gewohnt


Ein anderer Hebel wäre wirtschaftlicher Druck. Die G8 drohen auch mit weiteren Sanktionen. Doch Nordkorea ist bereits mit unzähligen Strafmaßnahmen des Westens und der UNO belegt und hat laut Beobachtern damit umzugehen gelernt. Derzeit scheint es das Regime auch in Kauf zu nehmen, dass es sich wegen seines Streits mit den Nachbarländern wirtschaftlich selbst demontiert. Der gemeinsam mit Südkorea betrieben Industriepark Kaesong ist vorerst geschlossen, damit entgehen Pjöngjang wichtige Devisen. Auch der Grenzverkehr mit China soll fast vollkommen zum Erliegen gekommen sein. Aus dem Nachbarland erhält Nordkorea den Großteil seiner Importe. China gilt als Verbündeter Nordkoreas, ist aber laut Diplomaten erzürnt darüber, wie Pjöngjang die Region destabilisiert. Nach dem Atombombentest Nordkoreas im Februar hat die Vetomacht China Sanktionen gegen Nordkorea mitgetragen.

Fraglich bleibt, wie lange das nordkoreanische Regime den täglichen Einnahmenverlust noch hinnehmen kann und will. Am Donnerstag verkündet Pjöngjang plötzlich, dass Kaesong "den Inbegriff der grenzenlosen Liebe von General Kim Jong-il zu seinem Volk und seinen Brüdern" darstelle. Damit öffnet sich Nordkorea eine Hintertür zur Wiedereröffnung des Industrieparks. Und auch Südkorea hat, ungeachtet der nordkoreanischen Kriegsdrohungen, Pjöngjang dazu aufgerufen, über die Wiederinbetriebnahme von Kaesong zu verhandeln.

Überhaupt gab sich Nordkoreas Führung am Donnerstag ungewohnt zahm und verzichtete auf die sonst schon täglichen Drohgebärden. Stattdessen bereitet sie sich auf ein Jubiläum vor, das für das Land noch viel wichtiger ist als der Jahrestag des Machtantritts von Kim Jong-un. Am Montag wäre dessen Großvater Kim Il-sung, der Ahnherr der Diktatorendynastie, 101 Jahre alt geworden. Von chinesischen Geschäftsleuten bis zu südamerikanischen Ideologen, die mit der brutalen Diktatur sympathisieren, sind schon die ersten Staatsgäste eingetroffen.

Rakete zum Geburtstag?


Die jüngste Zurückhaltung könnte ein Zeichen dafür sein, dass Nordkorea nun doch bereit ist, einzulenken und sich ein wenig zu beruhigen. Genauso denkbar ist es aber, dass der Geburtstag des Staatsgründers Kim Il-sung mit einem Raketenabschuss gefeiert wird. Geheimdienste berichten, dass Nordkorea offenbar den Start einer Musudan-Rakete vorbereitet. Dabei handelt es sich um eine Mittelstreckenrakete, die zumindest theoretisch den US-Militärstützpunkt auf der Pazifikinsel Guam erreichen könnte. Die USA und Südkorea haben ihre militärische Warnstufe erhöht.

Jedenfalls weiß niemand, was Kim Jong-un als Nächstes vorhat, er bleibt scheinbar unberechenbar. Auch damit zeigt der junge Diktator, dass er durch die Schule seines Vaters gegangen ist.