"Bomben am Morgen, Bomben am Abend, Bomben non-stop. Wie soll man da überleben?", fragt der syrische Flüchtling Basem. - © Thomas Seifert
"Bomben am Morgen, Bomben am Abend, Bomben non-stop. Wie soll man da überleben?", fragt der syrische Flüchtling Basem. - © Thomas Seifert

Beirut. Eine Moschee im Rohbau, die mit ihrer Stahlbetonkuppel und dem Beton-Minarett aussieht wie ein Mini-Atomkraftwerk nach dem Super-GAU und nicht wie ein zukünftiger islamischer Sakralbau. Eine passende Szenerie, denn das Gebäude verheißt nicht den Himmel, sondern Pandemonium. Neben der nicht fertiggestellten Moschee befindet sich ein Universitätsgebäude. Nackter Stahlbeton, Ziegelsteine, eine unverputzte Fassade: Wäsche hängt zum Trocknen, Satellitenschüsseln, Kinder federn und wippen auf aus dem Boden ragenden Stahlstangen - ein hochgefährliches Spiel.

Nun findet in dem Gebäudekomplex in Saida - eine Autostunde südwestlich von Beirut - kein Universitätsbetrieb statt, sondern dort leben 140 Familien, die aus Syrien geflüchtet sind und von denen die meisten nicht viel mehr als das nackte Leben mitnehmen konnte. 137 Familien kommen aus A’sweidah, drei Familien aus einem Dorf gleich in der Nähe von A’swaidah, al-Anka’a. Eine Familie: Das bedeutet in der Regel acht Menschen. 140 Familien mal acht Familienmitglieder: Macht 1120 Menschen, 1120 Schicksale, 1120 Leben.

Über eine Million Menschen sind inzwischen aus Syrien geflüchtet, 400.000 sollen sich allein im Libanon befinden. Eine Million Flüchtlingsschicksale, wer kann sich da schon etwas darunter vorstellen?

Doch wenn sich Gesichter aus der anonymen Masse schälen, wenn Einzelne beginnen, ihre Geschichten zu erzählen, wenn die Kinder lachen und ihre Großmütter weinen, dann wird die Tragödie begreiflich.

Tamam ist eine dieser Großmütter. Sie sitzt im Kreis ihrer Kinder und Kindeskinder und beginnt zu erzählen: Die fünfjährige Enkelin sitzt unruhig neben ihr, ein fröhliches Kind, eine Riesennarbe verläuft direkt unter ihrem Haaransatz. Schahad wurde am 19. September 2012 aus den Trümmern des Hauses der Familie gezogen, als das Haus aus der Luft bombardiert wurde und das Dach des Hauses einstürzte. Zwei von Tamams Enkeln waren sofort tot, vier Erwachsene ebenso, Schahad war bei dem Angriff beinahe skalpiert worden. Jetzt lacht und scherzt sie, als sei nie etwas geschehen. Doch ihr Leben wird nie wieder so sein, wie es einmal in Syrien war.

"Wir hatten ein Haus, wir hatten ein Auto, nun ist nichts mehr übrig", sagt Besem, der Sohn von Tamam. Er geht seit dem Angriff auf Krücken, die Nervenenden in seinem Bein wollen nicht recht zusammenwachsen. "Ich bin in Syrien behandelt worden, da der Standard war dort nicht viel besser wie in einem Feldspital." Besems Sohn hat es im Gesicht erwischt, ein Granatsplitter hat ihm die Nase gebrochen.

"Bomben am Morgen, Bomben am Abend, Bomben non-stop", sagt Basem: "Wie soll man da überleben?" "Meine Tante ist 85 Jahre alt, meine kleinen Enkel, das sollen alles Terroristen sein? Bin ich etwa eine Terroristin? Es gibt in Syrien keinen Platz mehr zum Leben für mich", sagt Tamam. Tamam und Basem erzählen ruhig, was passiert ist, einmal abwechselnd Basem, dann Basems Mutter Tamam.

Rückkehr unmöglich

"Warum passiert das alles?" Zu dieser Frage kehren beide, Tamam und Basem, immer wieder zurück. Und Naschdarin, eine der Enkel Tamams, meint nur: "Ich will zurück nach Syrien, dort steht das Haus meines Großvaters. Hier im Libanon bin ich sicher und glücklich. Noch glücklicher wäre ich aber in Syrien."

An eine Rückkehr ist freilich derzeit nicht zu denken: Das Sterben in Syrien geht weiter, 60.000 bis 80.000 Menschen haben seit dem 15. März 2011, dem Beginn des Konflikts, ihr Leben verloren, 800 bis 1700 Menschen sterben pro Woche.

Patricia Mouamar von der Hilfsorganisation Worldvision hatte die Flüchtlinge in der Ouzaii-Universität zuletzt besucht. Worldvision versucht gemeinsam mit einem Kollegen von der NGO Islamic Relief zu helfen. Erst seit kurzem wurden Toiletten-Container auf dem Gelände aufgestellt, davor habe sich eine furchtbar stinkende Kloake aus Fäkalien und Waschwasser quer über den Beton vor dem Gebäudekomplex ergossen.

Kaum Mittel für Flüchtlinge

Ein Flüchtling hat sein Kind aufgehoben, um den Helfern den Ausschlag im Gesicht des Mädchens zu zeigen: Die Flüchtlinge vermuten, dass die Hautkrankheit vom Trinkwasser herrührt. Freilich ist aber die Hygiene ein Problem, da es auch nicht genug Wasser gibt. Mouamar erklärt den Flüchtlingen, wie sie an Nahrungsmittel kommen: Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat gemeinsam mit einer Reihe von Hilfsorganisationen (darunter Worldvision) ein Gutschein-System etabliert: Die Gutscheine entsprechen einem bestimmten Geldwert, der für Grundnahrungsmittel und Toilette-Artikel ausgegeben werden kann. Sinn und Zweck der Gutscheine ist es, die lokale Wirtschaft von der Hilfe an die Flüchtlinge profitieren zu lassen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass es zu allzu großen Spannungen zwischen Flüchtlingen und der libanesischen Bevölkerung kommt.

Die Nachbarländer Syriens haben beträchtliche Probleme, die Flüchtlingsströme zu bewältigen. Dana Sleiman vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR steht vor ihrem Bürogebäude, hinter ihr eine Menschentraube von Flüchtlingen, die darauf wartet, ihren Flüchtlingsstatus offiziell bestätigt zu bekommen. Ohne Registrierung durch das UNHCR ist es sehr schwer für die Menschen, an Hilfe zu kommen. "Wir haben über 400.000 Flüchtlinge in 980 Gemeinden, die libanesische Regierung spricht sogar von einer Million Syrer, die sich im Land befinden sollen: registrierte Flüchtlinge, unregistrierte Flüchtlinge und Menschen, die auf ihre Registrierung warten sowie Gastarbeiter." Man dürfe nicht vergessen, meint Sleiman, dass der Libanon ein kleines Land mit 4,3 Millionen Einwohnern sei (der Libanon ist etwas kleiner als Oberösterreich, Anm. d. Red.), für so ein Land seien 400.000 Flüchtlinge sehr, sehr viel.