Teheran/Wien. Im Iran starten die Sittenwächter sieben Wochen vor der Wahl des Nachfolgers von Präsident Mahmoud Ahmadinejad wieder zu einer "Großoffensive zur Einhaltung des Reglements". In allen Großstädten wird wieder verstärkt darauf geachtet, dass die islamischen Sittenregeln eingehalten werden. Nach den heftigen Ausschreitungen zwischen Polizei und Bevölkerung bei der umstrittenen Wiederwahl Ahmadinejads 2009 und den monatelangen Demonstrationen gegen den Urnengang will die Zensurbehörde diesmal kein Risiko eingehen: Planquadrate, Zivilstreifen und die Spezialeinheit der paramilitärischen Bassij-Milizen sollen jeglichen etwaigen Widerstand gegen das Establishment im Keim ersticken und garantieren, dass die islamischen Gebote (siehe Kasten) befolgt werden.

Die Polizeibehörden in den Großstädten haben mit den Revolutionsgarden und den Pasdaran ein Konzept erarbeitet, um den kurzen Zeitraum des Wahlkampfes möglichst ruhig über die Bühne gehen zu lassen. Genau genommen hat die Polizei aber bei den geplanten Kontrollen ein Problem: Der Großteil der Bevölkerung ist unter 27 Jahre alt und schert sich nicht um Politik oder strenge Restriktionen. Irans Jugend träumt von westlichen Trends und Modeerscheinungen und lebt sich dementsprechend aus. Zudem verleitet jedes Verbot, es zu umgehen.

Längst hat die Generation der operierten Stupsnasen und gezupften Augenbrauen in Teheran auch die Mittel- und Unterschicht erreicht. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich nur der reiche Norden derlei "westliche Dekadenz", wie sie von Geistlichen spöttisch beschrieben wird, leisten konnte.

"Wir haben oft nur einmal im Monat die Möglichkeit, Fleisch zu essen, dafür haben wir aber ein iPhone, man muss eben Prioritäten setzen", bringt der 22-jährige Hamed aus dem ärmlicheren Teheraner Stadtteil Baharestan seine Sicht der Dinge im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" auf den Punkt.

Junge Menschen wie Hamed haben für den neuerlichen Tatendrang der Sittenpolizei nur ein Lächeln übrig. "Sollen sie doch kontrollieren, wir kennen das seit 34 Jahren. Was soll schon geschehen? Sie wissen, dass wir in der Überzahl sind und sie wissen, dass sie uns nicht alles verbieten können. Also wird es wieder nur eine Schikane gegen die jungen Menschen sein", meint Hamed. "Man braucht ja nur auf die großen Einkaufsstraßen oder in die Shoppingmalls zu gehen. Überall sieht man, wie westlich und aufgeweckt unsere Jugend ist", resümiert der junge Perser. Gefärbte Wimpern, gezupfte Augenbrauen und Justin-Bieber- oder Cristiano-Ronaldo-Frisuren bei jungen Männern prägen das Bild der 16-Millionen-Einwohner-Metropole Teheran ebenso wie bei den Damen die knappen bunten Schals, die als Kopftuch getragen werden, oder eng anliegende, den Po betonende Kurzmäntel. Auf Missachtung der Kleiderregeln stehen neben Verwarnungen durch die Sittenwächter bis zu zwei Monate Gefängnis und Peitschenhiebe.

Schützenhilfe bekommt die Jugend von unerwarteter Seite: Ahmadinejad höchstpersönlich stellt sich gegen die strikteren Kontrollen, die von der elitären Geistlichkeit des Landes verhängt wurden. Seit 2010 spricht er sich diesbezüglich für mehr Toleranz aus.

"Ein untauglicher Schleier ist noch kein Verbrechen". Dem harten Auftreten der Behörden steht er deshalb kritisch gegenüber: "Statt Kinos und Restaurants zu schließen, müssen die Menschen selbst auswählen können. Wenn man der Bevölkerung die Wahl gibt, werden sie definitiv die iranische Kultur und den Glauben wählen", meinte er selbstbewusst und zog sich damit den Zorn der geistlichen Elite zu.