Abmarsch aus Kunduz: Die Frage ist, was kommt, wenn die Deutschen gehen. - © Schmölzer
Abmarsch aus Kunduz: Die Frage ist, was kommt, wenn die Deutschen gehen. - © Schmölzer

Kunduz/Kabul. Eine träge Stille liegt über dem Nato-Feldlager in Kunduz. 1800 Soldaten sind hier stationiert, davon sind 1100 Deutsche. Sie tun ihren Dienst, doch die meisten wollen nur nach Hause. Sie zählen die Tage, die sie am Hindukusch noch absitzen müssen. Den Holländern, Dänen und Armeniern, die es hierher verschlagen hat, geht es genauso.

Am nahen Flugfeld starten und landen Militärmaschinen, Hubschrauber-Geschwader knattern durch die Luft. Soldaten marschieren allein oder in der Gruppe durch das riesige Lager, viele kürzen die Distanz mit dem Fahrrad ab. Vom Truppenübungsplatz weht der Wind dumpfen Geschützdonner herüber, Jeeps wirbeln Staub auf. Afghanische Wachposten sitzen vor dem Eingang zum Camp, bewegungslos schwebt ein Aufklärungs-Zeppelin in der Luft.

"Der Einsatz ist todlangweilig", seufzt ein junger Soldat, der am Flugfeld eingesetzt ist und kontrolliert, wer eingeflogen wird und wer in der glücklichen Lage ist, das Lager verlassen zu dürfen. "Wir arbeiten hier dreizehn Stunden und das täglich, das zahlt sich nicht einmal finanziell aus. Und außerdem: Der Einsatz bringt gar nichts für Afghanistan."

Deutschland hat er viele Tote gebracht. In der Mitte des Camps ist ein Ehrenhain errichtet. Hier wird der Soldaten Sergej Motz, Nils Bruns, Florian Pauli und weiterer 16 Gefallener gedacht. Sie wurden Opfer eines heimtückischen Krieges; in ganz Afghanistan sind es bereits über 50 Deutsche, die in einen Hinterhalt der Taliban oder eine Sprengfalle geraten sind.

In einer improvisierten Lagerhalle herrscht unterdessen reges Leben. Ein Feldwebel und seine Männer sind permanent in Bewegung, prüfen Listen, füllen Kisten mit Gerät. Alles was alt, kaputt, überzählig ist, wird abtransportiert. Das ist der Anfang eines Prozesses, den die Militärs "Rückverlegung" nennen. Gemeint ist, dass am letzten Tag im Oktober kein deutscher Soldat mehr hier sein soll. Erst wird "ausgesondert", dann folgt das moderne Gerät, die wichtigen Gegenstände - bis das Lager leer ist. Seitdem klar ist, dass Camp Kunduz Geschichte ist, wird in der Lagerhalle ohne Unterlass gearbeitet. Hier schlägt das Herz der Garnison. "Rammstein" wummert aus der Stereoanlage, die Stimmung ist gut, die Männer arbeiten im Akkord. Als er hierher versetzt wurde, sei von einem Sonderauftrag noch keine Rede gewesen, sagt der kommandierende Feldwebel, jetzt geht es um ein Rennen gegen die Uhr. Ob der Stichtag eingehalten werden kann, liegt in seinen Händen. Auf Verstärkung verzichtet er, er vertraut auf sein eingespieltes Team, bei dem jeder Handgriff verlässlich sitzt. Eine erste Lkw-Karawane ist erst vor wenigen Tagen ins 170 Kilometer weit entfernte Mazar-e-Sharif aufgebrochen, weiter geht es über den usbekischen Bundeswehr-Stützpunkt Termes nach Deutschland.

Rückzug durch Feindesland - eine heikle Sache


Ein Rückzug durch Feindesland ist eine heikle Sache, das weiß die Bundeswehr. Immer in Bewegung bleiben, lautet die Parole, wenn ein Konvoi stecken bleibt, werden die Kommandeure nervös. Denn jetzt bietet man den Taliban ein leichtes Ziel. "Brandgefährlich" nennt der deutsche Bundeswehrverband den laufenden Prozess, man müsse mit weiteren Verlusten an Menschenleben rechnen. Oberst Thomas Schmidt in Kunduz - er kommandiert zwei Bataillone - ist optimistischer; zumindest was die Material-Konvois anlangt. Die seien so gut gesichert, dass ein Angriff "reinem Selbstmord" gleichkomme. Der erste große Bundeswehr-Treck nach Mazar-e-Sharif blieb in der Tat unbehelligt - weitgehend: Ein paar Kinder bewarfen die Kolonne mit Steinen.

Vorerst kämpfen die Abziehenden gegen die Witterung. Sintflutartige Regenfälle sorgen für verschlammte Militärflughäfen, das Wasser kann nicht abrinnen, nichts geht mehr vor oder zurück. Die deutschen Transall-Transportflieger können regelmäßig wegen schlechter Sicht nicht starten oder landen; Sandstürme rauben jede Sicht und legen den Verkehr lahm.

Für die Taliban sind die deutschen Transport-Manöver und die damit verbundenen Probleme von zweitrangiger Bedeutung. Sie richten ihr Augenmerk auf die Zukunft, verüben Anschläge auf jene Strukturen, die die afghanische Regierung aufgebaut hat, unterminieren die afghanische Armee, bereiten sich auf einen Bürgerkrieg um die Macht im Land vor, den sie erwarten und herbeisehnen.

Nicht völlig geklärt ist, was mit Camp Kunduz passiert, wenn der letzte Soldat hier abgezogen ist. Manche Gebäude sind aus Beton, einiges von Wert wird hier zurückgelassen. "Darüber wird in Kabul entschieden", weiß Major Markus Nikel. Möglich ist, dass demnächst der Provinzgouverneur mit seinem Tross hier einzieht. Oder die Helfer der Unama, der "United Nations Assistance Mission in Afghanistan". Auch ein oder zwei Bataillone der afghanischen Armee könnten sich schnell hier breitmachen. Aber so genau weiß das niemand - wie so vieles, das in diesem Land vor sich geht.

Unterdessen versuchen die Soldaten, die Zeit im Camp totzuschlagen. Privatsphäre gibt es keine, je zwei Mann oder zwei Frauen teilen eine Stube. Wer sich zum Dienst am Hindukusch verpflichtet hat, ist gefangen in einer Welt limitierter Handlungsoptionen: "Du dienst nicht nur Deutschland, sondern auch dem Nächsten", wird in der Dusche per Aushang informiert. Deshalb gilt überall und zu jeder Zeit: Mit Wasser nass abduschen, Wasser abdrehen. Einseifen. Wasser andrehen. "Shut that damn door", wird man beim Hinausgehen erinnert. Wer sich beschwert, erntet resignierte Häme: "Jaja, Krieg ist die Hölle." Abends öffnet die "Lili-Bar", sie erinnert an die Wehrmachts-Marleen und Lale Andersen. Immerhin ist der Alkohol-Konsum unlimitiert: "Die Männer wissen, warum sie hier sind, und verhalten sich dementsprechend verantwortungsvoll", informiert Major Markus Nikel. Im Isaf-Hauptquartier Kabul gibt es kein Bier, im Camp Marmal in Mazar-e-Sharif gilt eisern die Zwei-Dosen-pro-Mann-und-Tag-Regel.