David Kilcullen ist ein australischer Terror-Experte und war von 2007-2008 Berater von General David Petraeus. Heute ist er CEO von Caerus Associates. Er war auf Einladung des IPI in Wien.
David Kilcullen ist ein australischer Terror-Experte und war von 2007-2008 Berater von General David Petraeus. Heute ist er CEO von Caerus Associates. Er war auf Einladung des IPI in Wien.

"Wiener Zeitung": Sie waren einer der Väter der erfolgreichen Truppenverstärkungs-Strategie von US-General David Petraeus, die die schlimmste Phase des Bürgerkriegs im Irak überwinden geholfen hat. In ihrem im Herbst erscheinenden Buch "Out of the Mountains" beschäftigen Sie sich mit der Gefahr, die in Zukunft von "Urbanen Guerillas" ausgehen wird.

David Kilcullen: In den letzten Jahren haben wir uns darauf konzentriert, Jihadis in isolierten Weltgegenden in Afghanistan und Pakistan zu bekämpfen. Dieses Problem wird weiter bestehen. Aber die Konflikte der Zukunft werden sich in Städten abspielen. Ich kann vier Trendlinien erkennen: Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Litoralisierung, also den Zug in Richtung der Küsten und Konnektivität.

Wirklich neu ist der Faktor Konnektivität, Internet, Mobiltelefonie.

Libyen und Syrien sind gute Beispiele dafür. Libyen hatte vor dem Arabischen Frühling den höchsten Grad an Urbanisierung im Mittelmeerraum. Aber die Menschen, die in Bengasi lebten, fühlen sich von der Regierung in puncto Arbeitsplätze, Investitionen und Infrastruktur vernachlässigt. Als Gaddafi 2003 sein Atomprogramm aufgab, führte dies zu einer Öffnung gegenüber dem Westen und Mobiltelefone und Satelliten-Fernsehen verbreitete sich rasch. Plötzlich konnten alle sehen, wie reich Dubai und Abu Dhabi sind. Und die Menschen begannen, Fragen zu stellen. Vor allem im von Gaddafi vernachlässigten Bengasi, wo eigentlich die Petrodollars erwirtschaftet werden.

In Syrien war es ähnlich: Hafiz al-Assad, der das Land bis zu seinem Tod im Jahr 2000 regiert hat, stand modernen Technologien sehr misstrauisch gegenüber. Als dann sein Sohn Bashar an die Macht kam, ließ dieser Internet und Satelliten-TV zu. Die Verbreitung von Mobiltelefonen in Syrien stieg um 4300 Prozent. Vermutlich bereut Assad, dass er das zugelassen hat: Denn als sein Vater Hama 1981 dem Erdboden gleichmachen ließ, dauerte es lange, bis die Menschen im Land davon erfuhren. 2011 ist der arabische Frühling von Tunesien, Ägypten und Libyen rasch auf Syrien übergeschwappt.

Was waren aus Ihrer Sicht - abseits der Repression des Regimes - die strukturellen Gründe für den Aufstand in Syrien?

Die urbanen Zentren standen schon lange unter Stress und waren am Rande ihrer Kapazitäten. Dazu kam ein Wasserproblem: Syrien hat im letzten Jahrzehnt die Hälfte seines Wasserpotenzials verloren, zum Teil wegen Trockenheit, zum Teil wegen Missmanagements der Wasserressourcen. 2010 gab es dann eine große Dürre im Land.

Ihre Syrien-Analyse?

Eine furchtbare humanitäre Katastrophe. Punkt. Ich fürchte auch, dass die Berichte stimmen, dass das Regime chemische Waffen eingesetzt hat. Sarin-Gas ist die Neutronenbombe des armen Mannes. Die Staatengemeinschaft muss sicherstellen, dass der Einsatz von chemischen Waffen in jeden Fall verhindert wird - wenn wir das nicht tun, öffnet das Tür und Tor für andere Regimes, Chemiewaffen einzusetzen. Dabei stehen uns durchaus Möglichkeiten offen, das Ende des Regimes herbeizuführen: No-Fly-Zone, eine Blockade des Flugverkehrs um Nachschub aus dem Iran zu unterbinden und ähnliche Dinge.

Was soll nach dem Assad-Regime kommen?

Wir müssen verhindern, dass das Land danach im Chaos versinkt. Aber: Genauso wie das Scheitern der Somalia-Mission die Clinton-Administration davon abgehalten hat, den Genozid in Ruanda zu stoppen, sollten uns die schlechten Erfahrungen im Irak und Afghanistan nicht davon abhalten, in Syrien einzugreifen. Wie heißt es so schön: Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, wäre vor 30 Jahren gewesen. Der zweitbeste Zeitpunkt: heute. Ich glaube, in Syrien ist es genauso. Der beste Zeitpunkt, diesen Konflikt zu beenden, war vor zwei Jahren. Der zweitbeste ist heute.

Die österreichische Bundesregierung hat massive Bedenken, was die Bewaffnung der Rebellen betrifft.

Ich verstehe die Bedenken Österreichs angesichts der Tatsache, dass österreichische Blauhelme am Golan stehen. Aber es gibt auch andere Länder, die den syrischen Rebellen helfen könnten. Zudem: Man muss bereits heute darüber nachdenken, wie man diese Rebellen nach dem Konflikt demobilisiert. Ich denke aber, man sollte das Feld nicht den von den Saudis unterstützen Jabhat al-Nusra überlassen.