London. Telefone wurden abgehört und E-Mails gelesen, damit sich die britische Regierung Verhandlungsvorteile gegenüber den anderen Konferenzteilnehmern verschaffen konnte. Die Geheimdienste eröffneten sogar ein Internetcafé für auswärtige Delegierte, um deren Mails simultan mitlesen zu können.

Die Enthüllungen sind denkbar unangenehm für die Gastgeber des G8-Gipfels - auch wenn diesem Gipfel Premier Cameron vorsitzt, während im April 2009 noch Labours Gordon Brown Regierungschef war. Die Nachricht von der Spitzelaktion werde zweifellos "zu einiger Spannung bei zu Besuch weilenden Delegierten" in Nordirland führen, meinte am Montag der "Guardian". Diese Delegierten würden sicher gern von Cameron wissen wollen, ob ihre Länder damals zu den Lauschopfern gehörten, "und ob die Übung diese Woche wiederholt wird".

Die Dokumente über die Bespitzelungen sind dem "Guardian" von Edward Snowden zugespielt worden, jenem 29-Jährigen, nach Hongkong geflüchteten US-Techniker, der jüngst das "Prism"-System weitflächiger Überwachung durch Amerikas Nationale Sicherheits-Agentur (NSA) offenlegte.

Die Dokumente zeigen, dass die britischen Geheimdienste 2009 Gespräche fremder Gipfel-Teilnehmer problemlos mithören und deren Texte mitlesen konnten und dass sie die Informationen binnen kürzester Zeit britischen Ministern zur Verfügung stellten, damit diese über die Verhandlungsstrategien der anderen Seite Bescheid wussten. Die Aktion wurde offenbar "auf sehr hoher Regierungsebene" genehmigt. Außenminister jenes Jahres war David Miliband, der Bruder des heutigen Labour-Chef Ed Miliband.

Konkret werden Südafrika und die Türkei als "Zielländer" genannt. Es könnte aber jedes Teilnehmerland beim April-Gipfel der G20 in London getroffen haben. BlackBerrys und alle Arten von Smartphones wurden bei der Aktion "gelesen". In dem als elektronische Falle errichteten Internetcafé wurden den Benutzer die Login-Details abgeluchst.

Bei einem separaten G20-Treffen der Finanzminister im September wurden offenbar in der Lauschzentrale in Cheltenham sogar Telefonate von Delegierten auf dem Gipfel als Grafik live auf eine 15 Quadratmeter große Leinwand projiziert. "So konnten sich Analytiker zum ersten Mal ein echtes Bild davon machen, wer gerade mit wem in Verbindung stand", hieß es in einem anschließenden internen Bericht stolz. Das Bild habe sich "permanent und automatisch erneuert".