"Ökonomen arbeiten mit Vermutungen: m eine erste Vermutung, meine zweite Vermutung - je nach Entwicklung", meint Li Yong. - © Jenis
"Ökonomen arbeiten mit Vermutungen: m eine erste Vermutung, meine zweite Vermutung - je nach Entwicklung", meint Li Yong. - © Jenis

"Wiener Zeitung":Gratulation zu Ihrer Bestellung als Generalsekretär der Unido.

Li Yong: Vielen Dank.

Ich habe mir gerade noch einmal die Millenniumsziele der Vereinten Nationen, die im Zeitraum von 2001 bis 2015 umgesetzt werden sollen, angesehen. Die sind ziemlich weit gefasst, von Krankheiten, über Genderfragen und Bildung auf Volksschul-Niveau ist alles dabei. Welches der Ziele ist Ihres Erachtens am brennendsten?

Viele dieser Ziele sind eng miteinander verflochten. Am wichtigsten ist die Armutsverringerung. Wir werden aber nach 2015 eine Liste mit neuen Zielen haben, die Diskussion darüber beginnt schon jetzt. Es ist klar, dass wir nach 2015 eine Liste mit neuen Zielen haben werden. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass die neue Liste sehr eng mit dem Mandat der Unido zusammenhängen wird.

Wie kann man die extreme Armut ausrotten? Über Wohlfahrt? Produktion? Bildung?

Unido ist eine einzigartige Organisation, die sich mit industrieller Entwicklung beschäftigt. Und das ist wichtiger denn je, wenn wir es schaffen, nachhaltige Entwicklung auszuweiten. Wenn Sie sich die Geschichte ansehen, haben fast alle Länder der sogenannten westlichen Welt eine Industrialisierung vorgenommen. Industrielle Entwicklung gibt den Menschen eine Möglichkeit für Wachstum, Entwicklung, Arbeitsplätze, Wohlfahrt. Der Lebensstandard wird dadurch erhöht.

Verschiedene Staaten haben natürlich verschiedene Bedürfnisse bezüglich der industriellen Entwicklung. Wenig entwickelte Staaten, falls sie eine schnelle Entwicklung wollen, sollten die Industrie und den Agrarsektor ausbauen. Bereits gut industrialisierten Länder müssen wiederum ihre Industrie wetterfester machen und neue Technologien
einsetzen. Und die entwickelten Länder versuchen jetzt, nachdem die Finanzkrise langsam überwunden wird, eine Re-Industrialisierung. Unsere Organisation kann bei all diesen Problemstellungen Hilfe leisten und den Ländern Unterstützung zuteil werden lassen.

Gibt es international überhaupt noch Platz für die Unido? Man könnte sagen, dass in den vergangenen Jahren einzelne Länder, speziell Ihre Nation, die Industrialisierung speziell in afrikanischen Ländern vorangetrieben hat, indem China dort Fabriken gebaut und Ackerland gekauft hat. Wenn Sie Unido und China vergleichen bezüglich der Entwicklung des sogenannten "Globalen Südens", wo sind da die Unterschiede?

Es gibt sicher ein paar Unterschiede, wie man in einem Land die Industrie entwickelt. In China, seit es sich in den 70ern, 80er Jahren geöffnet hat, haben wir sehr viel von anderen asiatischen Ländern gelernt, etwa den vier Drachen (Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong, Anm.), ja sogar von Japan. Wir haben gelernt, wie man eine exportgetriebene Industrie entwickelt. Zuerst fängt man mit Fließband-Produktion an, dann mit leichter Industrie und dann wertet man diese Industrien Schritt für Schritt auf, bis man ein hohes industrielles Niveau erreicht hat. Nach dreißig Jahren kann ich Ihnen nun sagen, dass Industrialisierung eine unabdingbare Rolle für die Entwicklung Chinas gespielt hat, nur so konnten wir das hohe Wachstum so lange halten. Das ist ziemlich einzigartig in der internationalen Wirtschaftsgeschichte. Sehen wir uns nun die afrikanischen Länder an: Einige stecken noch in den Kinderschuhen, manche sind schon ein bisschen weiter in ihrer industriellen Entwicklung, einige andere sind schon sehr weit. Diese Länder haben unterschiedliche Bedürfnisse. Unido kann hier eine Vermittlerrolle spielen, China wird in diesem Forum mitmachen, genauso wie die afrikanischen Länder, und es wird so einen Austausch geben, ein Voneinander-Lernen. Wir können es eine "Süd-Süd-Kooperation" nennen.

Eines der Millenniumziele ist auch die Umweltverträglichkeit. Wie realistisch ist eine Industrialisierung, die nicht auch Kohlekraftwerke und somit Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid mit sich bringt?

Jetzt haben Sie natürlich einen empfindlichen Punkt getroffen. Industrialisierung ist, wie eben erwähnt, wichtig. Nachhaltigkeit und der bewusste Umgang mit Ressourcen ist aber ebenso wichtig. Große und kleine Länder stehen jetzt vor denselben Herausforderungen, früher oder später. Es herrscht Konsens darüber, dass wir ökologische Konzepte brauchen. Die Frage ist nur, wie viel Augenmerk man letztlich darauf legt. Das hängt aber auch mit der Entwicklungsphase des Landes zusammen. Aber in der neuen Liste der UN-Entwicklungsziele wird eines der Ziele die Umwelt sein.

Das Unido-Headquarter ist in der Wiener UNO-City. Werden Sie in nächster Zeit in Wien leben?

Als Generalsekretär der Unido kann ich nirgends anders leben. Aber Wien ist eine schöne Stadt. Ich liebe sie.

Wie gut kennen Sie Wien?

Ich war schon vier, fünf Mal in Wien. Die Stadt hat diese reiche Kultur, die Architektur, die Musik - plus den Kaffee! (Lacht.)

Sie waren bis vor kurzem Vize-Finanzminister in China?

Ja, bis Montag, den 24. Juni. Da bin ich von der Unido als neuer Generaldirektor vorgeschlagen worden (am Freitag den 28. Juni wurde seine Wahl bestätigt, Anm.). Mit einem internationalen Job muss man seine nationalen Posten aufgeben.