Moskau. Ohne Pass, ohne Visum, in der Falle. Der Daten-Enthüller Edward Snowden will immerhin nicht in Russland bleiben. Eine kluge Entscheidung. Sein Zugeständnis an Moskau wäre eine riesige Bankrotterklärung für einen gewesen, der sich in den Kampf für seine Ideale von Demokratie und Menschenrechten aufgemacht, dadurch ganze Staaten gegen sich aufgebracht hatte. Mit einem "Ja zu Russland", "Ja für Putin" hätte er sich in den Augen der Welt vollends unglaubwürdig gemacht.

Der Fall Snowden ist zu einem Test für die Weltpolitik geworden: Hier werden die politischen Spielregeln in Frage gestellt, wird die Amerika-Phobie, die nicht nur in Russland herrscht, gepflegt.

Snowdens Verbleiben auf russischem Boden hieße, das russische Regime zu unterstützen, für das selbst die Regierung in Moskau stets eine eigene Definition von Demokratie pflegt.

Der freiwillige Gefangene im Flughafen Scheremetjewo stürzte mit sich auch Russland ins Schlamassel. Mag sich der Kreml diplomatisch in der Rolle als Schutzpatron für Bürgerrechtler sonnen, so weiß denn selbst Russlands Präsident Wladimir Putin - mit Abhörtechniken qua Ausbildung zum Agenten bestens vertraut -, dass der Überraschungsgast nur Probleme mit sich bringt. "Als hätte man Russland in ein viel zu enges Bett gelegt, wo es sich hin- und herwälzt, auf der Suche nach einer bequemen Position", schrieb die russische Zeitung "Nesawissimaja Gaseta". Genug gewälzt.

Putins "Jein" zu Snowden entpuppt sich als gewiefter Schachzug. Er bietet dem 30-jährigen Gestrandeten Asyl an, wohl wissend, dass Snowden nicht auf Putins Bedingungen - den USA nicht weiter zu schaden - eingehen wird. Spöttisch nennt Putin Snowden einen Menschenrechtler, und Menschenrechtler, so weiß er aus seinem eigenen Land, werden nicht aufhören, für ihre Sache zu kämpfen. Auslieferung komme für Russland nicht in Frage, schon gar nicht in ein Land, wo es die Todesstrafe gibt, das hat Putin Sprecher Dmitri Peskow gestern nochmals betont. Also bietet der Präsident Snowden - und vor allem seinem Staat - einen Ausweg an: Wenn der passlose Amerikaner denn weiterreisen möchte, bitte, die Russen würden ihn nicht aufhalten. Warum denn auch?

Aller antiamerikanischen Rhetorik zum Trotz braucht Russland die USA. Es braucht vor allem die amerikanischen Investitionsmillionen für seine marode Infrastruktur. Den transatlantischen Partner ärgern? Ja, in letzter Zeit mit immer größerem Genuss. Das demonstriert Russland, wo es nur kann, es tut es mit dem Adoptionsverbot von russischen Kindern in den USA, genauso wie mit seinem harten "Njet", was jede Bewegung in der Syrien-Frage angeht. Doch ein Asyl für einen von den Amerikanern gesuchten Verräter ginge darüber hinaus.