Europa hat keine Zukunftsstrategie, meint Sachs. - © Seifert
Europa hat keine Zukunftsstrategie, meint Sachs. - © Seifert

"Wiener Zeitung": Europa und die USA haben unterschiedliche Wege eingeschlagen, um aus der Krise zu kommen. Wer hat diese Herausforderung besser bewältigt?

Jeffrey D. Sachs: Ich denke, dass der wirkliche Unterschied zwischen den USA und Europa nicht darin liegt, wie die Fiskalpolitik gehandhabt wurde. In den USA haben wir ein gemeinsames, nationales Finanzsystem und die Regierung in Washington. Europa leidet unter dem Faktum, dass die Bankenkrise in Spanien, Portugal, Zypern, Griechenland bis zum heutigen Tag nicht bewältigt ist, weil es keine europaweiten Institutionen zur Bankenregulierung und Bankenüberwachung gibt. Die Debatte drehte sich viel zu lange um Fiskalpolitik, aber das ist viel weniger wichtig als das Faktum, dass die Eurozone keine Bankenunion und keine gemeinsame Bankenregulierungs- und Überwachungsbehörde hat. Die Debatte über Keynesianismus rund um Budgets und Austerität, die besonders von Paul Krugman vorwärtsgetrieben wurde, hat den Fokus auf die falschen Dinge gelegt. Krugman hat gemeint, dass der Hauptunterschied zwischen Europa und den USA in der Fiskalpolitik lag. Ich glaube, er hat damit die Debatte auf irreführende Weise impliziert. Der Hauptunterschied lag darin, dass die USA ein kompletter Währungsraum sind, die Eurozone noch nicht.

Inwieweit ist die Krise von 2008 eine Krise des Kapitalismus?

Ich glaube, es gibt drei Teile einer Antwort. Erstens: In den 20 Jahren von 1990 bis heute kamen die Herausforderungen aus mehreren Richtungen. Globalisierung, technologischer Wandel, Wandel auf den Arbeitsmärkten. Die zweite Dimension: die Finanzwirtschaft. Die Vereinigten Staaten haben ihre Finanzmärkte von 1980 bis heute dereguliert - der Rest der Welt folgte. Die Banken sind heute sehr wichtige politische Akteure, das gilt für die Banken in Frankfurt genauso wie für London und die Wall Street. Die Banken haben die Regierungen gedrängt, die Finanzmärkte zu deregulieren und ihnen mehr Raum zu verschaffen. Sie haben diesen Raum dazu genützt zu spielen, zu betrügen und einen Berg an Krediten zu schaffen. Der Bankensektor ist für die Probleme verantwortlich. Aber auch die Politiker, die sich den Druck der Banken-Lobbys gebeugt haben. Warum haben Sie sich einer Lobby gebeugt und nicht die Banken und deren Lobbys reguliert und überwacht?

Warum haben die Banken uns derart in die Krise geritten?

Das erste Grundgesetz der Finanzwirtschaft: Banken können einen in schwere Probleme bringen. Sie neigen zum Spielen. Und sie gewinnen immer. Wenn nämlich ein Deal schiefgeht, dann werden die Verluste sozialisiert. Plus: Sie sind mächtig. Bis heute blockieren sie die nötigen Reformen. Der dritte Aspekt: Wenn man in einer Krise steckt, wie wir das heute tun, dann muss man sich orientieren und eine neue Richtung suchen. In den USA will man zurück in die Zeit vor der Krise, vor 2008, 2007. Und zwar mit Keynesianismus in seiner simpelsten Form: einfach dafür zu sorgen, dass die Konsumenten wieder Geld ausgeben. Und in Europa läuft die Debatte schief: Geht es wirklich darum, ob die deutschen Steuerzahler für die Sünden Griechenlands zahlen sollen? Das ist eine sehr simple Weltsicht, an der sich zeigt, dass auch Europa keine Strategie für die Zukunft hat. Europa ist in einer sehr engen Debatte gefangen, in der es nur darum geht, ob Frau Merkel die nächsten Wahlen gewinnen wird oder nicht. Das mag zwar interessant sein, hat aber nichts mit den großen Wandlungsprozessen zu tun, um die es gehen wird.

Vor kurzem erschien ein interessantes Buch mit dem Titel "Strange Rebels". Darin geht es um Margret Thatcher, Deng Xiaoping, Ayatollah Khomeini und darum, wie diese drei Figuren 1978, 1979 die Welt, in der wir heute leben, fundamental geprägt haben. Stehen wir heute wieder an einem Wendepunkt?

Ich weiß nicht, ob es so eine Hegelianische Dynamik der These und Antithese, die zu einer neuen Synthese strebt, gibt. Ich sehe die Dinge aus einer Perspektive der nachhaltigen Entwicklung. Ich glaube, dass gesunde Gesellschaften, vier Dinge beachten müssen: ökonomische Entwicklung, die sozialen Zustände, soziale Gleichheit oder Ungleichheit und soziale Mobilität, die Umwelt und die Qualität des Regierens. Es gibt nur wenige Länder, die diesen ganzheitlichen, holistischen Ansatz versuchen: die Skandinavier. In den USA gibt es einen fast Anti-politischen Zugang zu sozialen Fragen, zu Umweltfragen. In China ist das Wachstumsmodell in der Krise. Da gibt es einerseits die wachsende Ungleichheit, andererseits die ökologische Krise. Tschernobyl hat die Sowjetunion unterminiert, und die Umweltkrise tut nun in China dasselbe. Die Menschen in den chinesischen Städten können die Luft nicht mehr atmen, das Wasser nicht mehr trinken. Chinas Umwelt-Krise ist die größte in der modernen Geschichte.

Warum tut sich die Welt mit Lösungen so schwer?

Das größte Problem bei der Problemlösung ist die Kurzfrist-Perspektive unserer Politiker. Wenn man nur auf die kurzfristigen Probleme achtet, dann bekommt man längerfristig ein großes Problem. Wenn man in die falsche Richtung läuft, dann findet man eben nicht auf den richtigen Weg zurück. Irgendwann kracht man dann gegen eine Wand. Und das ist dann hoffentlich der Punkt, an dem man umkehrt. Wir hatten in den USA mehrere dieser Wendepunkte: die Ära der Progressiven, den New Deal, die Kennedy-Johnson-Ära der Bürgerrechtsbewegung und den Krieg gegen die Armut. Das waren Reaktionen auf Krisen. Seither sind wir in einer konservativen Ära, die uns wieder in eine tiefe Krise geführt hat. Wir werden in den USA eine neue progressive Ära bekommen. Ich glaubte im Jahr 2008, dass Obama uns in diese neue Ära führen würde. Aber er ist eine Kraft der Kontinuität und nicht des Wandels.