Der Rebell im Viertel


Einer im Lager, der gerne rumbrüllt, ist Abu Hussein. Laut Kleinschmidt ist er "ein Revoluzzer mit der Kapazität, Leute umzubringen". Doch für viele im Camp ist er schlichtweg der Aqed, der "Oberstleutnant".

Abu Hussein, der aus der südwestsyrischen Region Daraa kommt, hat schon viele Journalisten empfangen. Der "Spiegel" nannte ihn im selben Atemzug mit dem Wort "Mafia". Nachdem er den Artikel von "Spiegel"-Reporter Takis Würger gelesen hat, soll er gesagt haben, "ich bringe Takis um. Und Kilian auch."

Mit Abu Hussein ist nicht zu scherzen. Und der 49-Jährige weiß, wie man sich als Herrscher inszeniert. Wo genau seine Macht liegt, ist nicht ganz klar. Manche sagen er schmuggelt, andere, er habe sich einfach Respekt verschafft. Vielleicht hat er auch einfach nur viel Geld.

Mit Frau und Kindern lebt er in einem kleinen Container-Anwesen in einer Seitenstraße der Sham-Élysées. Statt einem Garten bedecken hier Kunstgrasmatten den Wüstensand. Drinnen in der Metallhütte gibt es Fernseher und Klimaanlage. Neben dem Wohnzimmer ist ein traditioneller Empfangsraum, mit Teppichen und gemusterten Pölstern.

Das Auftreten von Abu Hussein scheint erst höflich und ruhig. Dabei ist er relativ klein, trägt ein gebügeltes Hemd und gepflegtes Haar. Wie fast alle Männer im Camp raucht er ständig. "Ich bin gegen alles, was hier im Lager schiefläuft", sagt Abu Hussein. Dann serviert seine Frau Essen. "Nichts davon ist von den Hilfsorganisationen", erklärt der Aqed. Denn von diesen hält er nichts. Im Lager habe man zwei Optionen: Entweder akzeptieren, was von den humanitären Organisationen aufgetischt wird. Oder: "aggressiv sein".

Wütend kritisiert er die Politik der UNO, beschwert sich darüber, dass seine Kinder schon monatelang in die Schule gehen, aber immer noch nicht ihren Namen schreiben können. Er habe sie alle getroffen, die hohen Tiere in der humanitären Verwaltung. "In die Tasche stecken" will er sich von ihrer Hilfe nichts. "Für mich zählt die Wahrheit", sagt er. Seine Wahrheit.

Wenn es im Lager nachts dunkel wird, geht Abu Hussein die Sham-Élysées entlang, wo dutzende junge Männer auf ihn warten. In Zweiergruppen schickt er sie in die Seitenstraßen seines Viertels, als "Schutz und Wache". Für die Überwachung von Gemeinschaftsküchen habe er Frauen ernannt, die dort für Ruhe sorgen und putzen, gegen Bezahlung. Außerdem bringe er seine Leute in die wenigen Jobs, die hier zur Verfügung stehen. Alle paar Wochen wechseln sich die Arbeiter ab. Wann wer zum Zug kommt, bestimme er.

Abu Hussein sagt, er sorge für die Sicherheit. "Meine Leute sind überall im Camp und sie wissen was passiert." Und was passiert, wenn jemand erwischt wird? "Ich habe meine eigenen Wege, damit umzugehen." Doch für Kilian Kleinschmidt ist Abu Hussein bereits am absteigenden Ast. "Wenn er sich richtig anstellt, wird er noch länger ein Führer bleiben. Wenn es schlecht läuft, wird er bald als Mafia-Boss verhaftet."

Das neue Verwaltungssystem soll Leuten wie Abu Hussein den Einfluss nehmen. Die Flüchtlinge sollen bald selbst über vieles entscheiden können, meint Kleinschmidt. "Politische Strukturen wie Räte sollen Dialog schaffen. Langsam aber sicher wollen wir die wahren Chefs aufbauen. Den Straßenführern wollen wir das Wasser abgraben."

Neue Organisationsstruktur


Außerdem sei ein umfassendes Privatisierungsprojekt geplant: Statt Stromklau soll es bald ein Stromnetz mit Kosten um die 10 Millionen US-Dollar geben; statt Hilfsgütern Chipkarten mit Guthaben, damit die Flüchtlinge selbst einkaufen können. Gemeinschaftstoiletten und -küchen sollen durch private ersetzt werden. Abwassersammlung und öffentliche Verkehrsmittel stehen ebenfalls am Horizont der Möglichkeiten. Lange genug hätten humanitäre Organisationen Flüchtlingslager 20, 30 Jahre hinweg gleich betreut, kritisiert Kleinschmidt. Er will das ändern und das Lager zur Stadt werden lassen. "Nur weil man Flüchtling ist, heißt das nicht, dass man die Dinge nicht selber machen kann."

Diesem Leitsatz würden die selbstgemachten Politiker im Lager sofort zustimmen. Doch die von Kleinschmidt unterstützten Sheikhs genießen in der Welt von Abu Hussein und anderen Straßenführern keinen Respekt.

"Ich bin von Beruf Lehrer", sagt Abu Hussein. "Würdest du mich anstellen, um dein Auto zu reparieren? Ich glaube nicht." Die Sheikhs in den neuen Komitees seien ihm fremd. "Ich sehe sie nicht in den Straßen des Camps. Hier müssen die richtigen Leute die richtigen Posten haben." Seine Leute. Das UNHCR vergleicht er sogar mit dem Regime in Syrien. "Wollen wir zurück zum arabischen System, in dem uns die Regierung von außen aufgezwungen wird?"

Abu Hussein ist vielleicht der einflussreichste Aqed im Lager, denn er beansprucht ein ganzes Viertel. Doch er ist nicht der
Einzige mit Machtanspruch. Eine politische Ebene weiter unten regeln sogenannte Straßenführer die Probleme des Alltags. Einer von ihnen ist Abu Asim.