Im offenen Wohnraum zwischen seinen zwei Containern schenkt er eine Tasse Tee ein. Dann reicht er bitteren Kaffee durch die Runde. "UNHCR muss die Finger von der Politik lassen", sagt der 47-Jährige. "Nur die Leute im Camp selbst sollten ihre Führer wählen."

"Dann schlägst du ihn"


Ende Mai dieses Jahres ist er aus seiner Heimatregion Daraa al-Sanamen geflüchtet, als die Angriffe der Truppen von Bashar al-Assad ein Massaker anrichteten. 106 Menschen seien getötet worden, sein eigenes Haus von einer Bombe zerstört. Bald nach seiner Ankunft habe er sich im Camp Respekt verschafft. "Weil ich die richtigen Entscheidungen treffe. Man muss Weisheit haben - und politisch stark sein."

Nur, was genau macht ein Straßenführer? Er löst Probleme, sagt Abu Asim. Egal, ob es um Wasser, sanitäre Einrichtungen oder Streitereien geht. Und wie löst man diese Probleme? "Das ist immer unterschiedlich. Aber wenn du den Schuldigen nicht mit Worten überzeugen kannst, dann schlägst du ihn."

Nach einer Weile kommt ein weiterer "Anführer" bei Abu Asim vorbei. Einer, der vielleicht ebenso viel Einfluss hat wie Abu Hussein. Auch er will seinen vollen Namen nicht preisgeben, nennt sich deshalb nur beim traditionellen Namen als Vater seines ältesten Sohnes: Abu Salem.

Der Körper des 56-Jährigen wirkt mächtig und schwermütig. Sein Blick ist ernst, doch immer wieder kommt ihm ein Grinsen aus und ein silberner Zahn sticht hervor. Früher sei er General bei der syrischen Armee gewesen. Dann habe er sich der Freien Syrischen Armee (FSA) angeschlossen und ist gegen Assad in den Krieg gezogen. Was genau er gemacht hat, will er nicht sagen. Wichtig sei das, was er jetzt macht: 400 Männer im Camp stünden unter seinem Kommando. Als Schnittstelle zwischen der Flüchtlingsbevölkerung im Lager und der jordanischen Polizei sorge er für Stabilität und Sicherheit.

Drohungen gegen die UNO


Dem Camp prophezeit er eine "Explosion", sollte Kilian Kleinschmidt seinen Plan durchziehen. "Kilian wird bald sehen, was die Reaktion auf seine neuen Komitees ist", sagt Abu Salim. Auch er hält nichts von den Sheikhs, die bald Teil der neuen Führungsstruktur im Lager werden sollen. Auch der vom UNHCR vorangetriebenen Nachbarschaftswache traut Abu Salem nicht. "Ihnen wurden Gehälter versprochen. Sobald sie diese Gehälter bekommen, sind sie gekaufte Leute. Leute, die nicht für die Gemeinschaft arbeiten. Ihr Job wird es sein, zu überwachen."

Die Männer mit Führungstitel im Lager Zaatari wollen eigentlich alle dasselbe: dass die Dinge so laufen, wie sie selbst es sich vorstellen, zum Zweck von "Stabilität und Sicherheit." Doch obwohl alle scheinbar dasselbe wollen, könnte die Politisierung der humanitären Verwaltung im Lager zu neuen Konfliktlinien führen, wenn auch nicht zu einer "Explosion".

Zurück im humanitären Basislager neben dem plätschernden Brunnen erscheint die von Kilian Kleinschmidt prophezeite Ruhe mehr als real. Erst am Vortag sei er nachts ins Lager spaziert, habe in einem Restaurant gegessen, und hat dann in der "Villa" heiße Schokolade getrunken. "Wir waren bis ein Uhr morgens unterwegs."

Um das Flüchtlingscamp an der Grenze zu Syrien wirklich zu verstehen, muss man vermutlich dort leben. Kilian Kleinschmidt ist höchstwahrscheinlich der richtige Mann für den Job des Bürgermeisters von Zaatari. Aber wie Abu Hussein sagt: "Politik ist wie das Meer, es gibt Haie, und es gibt Wale."