Kairo. (leg) Beim Prozess gegen die Führung der Muslimbruderschaft in Ägypten kam es am Dienstag zu einem Knalleffekt: Die drei Richter, die den Prozess gegen die Führer der verbotenen Islamisten hätten leiten sollen, erklärten sich für befangen und zogen sich aus dem Verfahren zurück - aus Gewissensgründen, wie sie erläuterten. Beobachter vermuten politischen Druck als Ursache. Den Prozess muss nun eine andere Kammer des Strafgerichts verhandeln.

Zuvor hatten die Richter noch angeordnet, den Anführer der Bruderschaft, Mohammed Badie, seine beiden Stellvertreter und 32 Mitangeklagte in Gewahrsam zu behalten. Die Angeklagten wurden dem Gericht aus "Sicherheitsgründen" nicht vorgeführt. Badie und seinen Gefolgsleuten wird Anstiftung zum Mord an neun Demonstranten vorgeworfen. Dieser Tatbestand kann in Ägypten mit der Todesstrafe geahndet werden. Die Demonstranten waren im Juni in Kairo getötet worden.

Damals regierte in Kairo noch Präsident Mohammed Mursi. Anfang Juli wurde der Muslimbruder dann von der Armee gestürzt. Dass sich die drei Richter nun aus dem Verfahren zurückzogen, könnte zeigen, dass die Militärs den Justizapparat nicht vollständig unter Kontrolle haben. Zwar verbot ein Gericht in Kairo vor kurzem alle Aktivitäten der Muslimbrüder. Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) verweist aber darauf, dass die Justiz in Ägypten sich immer eine gewisse Unabhängigkeit hat bewahren können. "Selbst unter Ex-Präsident Hosni Mubarak hat es höchstrichterliche Entscheidungen gegeben, die der Obrigkeit nicht gepasst haben", sagte der Ägypten-Experte der "Wiener Zeitung". Es werde wohl schwer für die Militärs, den Justizapparat total zu kontrollieren.

Mursi, der an einem geheimen Ort festgehalten wird und sich weiterhin als Präsident sieht, erklärte kürzlich, den Prozess gegen sich nicht anzuerkennen.