Tokio. Am Donnerstagmorgen erreichte eine Autokolonne den Yasukuni-Schrein im Zentrum vom Tokio, unweit vom Palast des japanischen Kaisers. Die Autotüren öffneten sich und der japanische Premierminister Shinzo Abe stieg aus, in schwarzer Trauerkleidung. In seinem Gepäck: weiße Chrysanthemen. Weiß symbolisiert in Japan Trauer. Doch sein Besuch hatte nichts mit einem frischen Trauerfall zu tun. Abe besuchte am 26. Dezember den höchst umstrittenen Schrein pünktlich zum einjährigen Amtsjubiläum, um "vor den Seelen der Kriegstoten zu berichten, was meine Regierung in einem Jahr Amtszeit bewirkt hat, und um mein Gelöbnis zu erneuern, dass Japan niemals wieder einen Krieg vom Zaun brechen wird".

Das wirkt nur auf den ersten Blick harmlos. So drückten die Nachbarn China und Südkorea noch am gleichen Tag starke Verstimmung aus und kündigten diplomatische Konsequenzen an.

Besuche am Schrein münden regelmäßig in Konflikten


Denn am Yasukuni-Schrein, der als Symbol für Japans Militarismus gilt, wird neben insgesamt 2,5 Millionen Kriegsopfern und Soldaten seit 1978 auch solcher Japaner gedacht, die als Kriegsverbrecher der Klasse A gelten. Sie sollen dafür verantwortlich sein, dass Japan in den Zweiten Weltkrieg eintrat, Korea und China angriff, dort Frauen in die Prostitution zwang, vergewaltigte und hunderttausende Menschen umbrachte. In der Konsequenz führen die Besuche japanischer Spitzenpolitiker am Schrein regelmäßig zu Konflikten mit den ostasiatischen Nachbarn. Jene fordern seit Jahrzehnten eine aufrichtige Entschuldigung für Vergehen Japans im Krieg und während der Besetzung Koreas von 1910 bis 1945.

Daher wurde bereits vor dem Jahrestag des Weltkriegsendes am 15. August 2013 genau beobachtet, ob Abe den Schrein besuchen würde. Damals schickte er jedoch nur einen Vertreter mit symbolischen Gaben. Abe ist für seine nationalistische Einstellung bekannt, konzentrierte sich jedoch in seiner zweiten Amtszeit bisher stärker auf wirtschaftliche Ziele. In seiner ersten Amtszeit von 2006 bis 2007 hatte er zwar anders als sein Vorgänger Junichiro Koizumi auf den Schreinbesuch verzichtet, dies jedoch später als "extrem bedauerlich" bezeichnet. Nun scheint Abe Farbe zu bekennen - oder wie manche Experten glauben - seinen konservativen Unterstützern einen Gefallen tun zu wollen.

Nationalistische Haltung wird deutlicher


Seit seinem Amtsantritt am 26. Dezember 2012 gab es immer wieder Hinweise auf seine Gesinnung, zuletzt ein Geheimhaltungsgesetz, das den Verrat von Staatsgeheimnissen stärker als bisher ahndet. Manche Beobachter sehen dadurch Japans Demokratie als gefährdet an. Außerdem versucht Abe, die Rolle des Militärs zu stärken und bewilligte dafür mehr Geldmittel als bisherige Premiers in der letzten Dekade - ein Schritt, der erst Mitte Dezember für neue Verstimmungen mit den Nachbarn gesorgt hatte.

Entsprechend ließen die Reaktionen von China und Südkorea nicht lange auf sich warten: Das chinesische Außenministerium drückte "starken Ärger" ob seines "inakzeptablen" Besuchs aus. Das koreanische Außenministerium plante japanischen Nachrichtenagenturen zufolge, den japanischen Botschafter in Seoul vorzuladen, um die Beschwerde vorzutragen. Seit seinem Amtsantritt hat Abe zwar versucht, enge Beziehungen zu südostasiatischen Nationen aufzubauen. Doch mit den Regierungschefs von Südkorea und China hat bis heute kein Treffen stattgefunden, auch wegen eines andauernden Streits um mehrere unbewohnte Inseln. Experten erwarten, dass durch Abes Schritt eine Lösung des Konflikts in weite Ferne gerückt ist und mit einer Verbesserung der Beziehungen auf absehbare Zeit nicht zu rechnen ist. Auch die USA zeigten sich wenig begeistert von Abes Vorgehen. Sie hatten ihn ermahnt, sich in Zurückhaltung zu üben. Japans Partner in einer seit 1960 bestehenden Sicherheitsallianz möchte nicht in die bilateralen Konflikte hineingezogen werden.

Abe sowie Vertreter des Außenministeriums versuchten - wenigstens vordergründig -, die Bedeutung seines Yasukuni-Besuchs herunterzuspielen. Sein Besuch sei als der einer Privatperson zu verstehen, betonte ein Sprecher des Außenministeriums in einer E-Mail an ausländische Korrespondenten. In einem Statement versuchte Abe, Japan als Nation zu porträtieren, die "im Rahmen internationaler Zusammenarbeit" Frieden schaffen wolle. "Es ist nicht meine Absicht, die Gefühle der Chinesen und Koreaner zu verletzten." Geglaubt wird ihm das nicht.