Schwarzer Rauch nach Anschlag auf Hisbollah-Hochburg. - © ap
Schwarzer Rauch nach Anschlag auf Hisbollah-Hochburg. - © ap

Beirut/Den Haag. (dpa/reuters) In Den Haag startete am Donnerstag vor einem Sondertribunal der Prozess rund um den Mord an dem libanesischen Premier Rafik Hariri. Die Anklagebank blieb allerdings leer. Denn die fünf Männer, die die Tat begangen haben sollen, sind auf der Flucht. Bei ihnen handelt es sich aber nur um "kleine Fische". Für die Planung sollen zwei Hisbollah-Führer, Mustafa Badreddine und Salim Ayyash verantwortlich sein.

Bei dem Anschlag wurden neben dem Premier 21 weitere Menschen getötet. Eine 2,5-Tonnen-Bombe explodierte am 14. Februar 2005 auf der Corniche in Beirut, versteckt in einem Kleinlaster. Hariris gepanzerter Wagen wurde in Stücke zerrissen, auf der Straße blieb ein tiefer Krater zurück. 226 Menschen wurden bei dem Anschlag teils schwer verletzt.

Der Mordanschlag traf das ganze Land, denn der Tycoon und Milliardär Hariri war eine charismatische Symbolfigur. Ein Politiker, der nach den Wirren des Bürgerkriegs die Hoffnung auf den Anbruch einer besseren Zeit verkörperte. Kurz vor dem Attentat hatte sich Hariri mit Syriens Präsident Bashar al-Assad überworfen. Das, so Beobachter, war sein Todesurteil. Denn Hariri und seine Verbündeten hätten eine gute Chance gehabt, die Parlamentswahl im Sommer des Jahres 2005 zu gewinnen. Dies wäre eine fundamentale Bedrohung für Syriens Position im Libanon gewesen - und dadurch auch für die Rolle der Hisbollah. Diese Kräfte hatten, so heißt es, ein klares Interesse daran, dass es nicht dazu kommt.

Das Attentat brachte den Libanon jedenfalls an den Rand des Bürgerkrieges. Es löste Massenproteste gegen Syrien aus, die dazu führten, dass der mächtige Nachbarstaat wenige Monate später sein Militär nach 29 Jahren aus dem Libanon abzog.

Im Libanon ist der Prozess hoch umstritten. Hariris Anhänger, zumeist Sunniten, fordern Gerechtigkeit. Die Anhänger der Hisbollah hingegen halten das Verfahren für eine internationale Verschwörung, die die schiitische Miliz schwächen soll. Die vorliegenden Indizien halten sie für Fälschungen.

Bis zu 400 Zeugen wollen die Haager Richter unter dem Vorsitz des Neuseeländers Sir David Baragwanath vernehmen. Um sie vor Racheaktionen der Hisbollah zu schützen, kommen einige von ihnen in ein Zeugenschutzprogramm. Sie müssen nach ihrer Aussage ein neues Leben beginnen.

Terror überschattet


Prozess-Beginn


Die Anklage stützt sich auf Daten über Handy-Telefonate zwischen den Verschwörern. Die Ermittler identifizierten acht Mobiltelefone, die am selben Tag in der nordlibanesischen Stadt Tripoli gekauft worden waren. Sie wurden sechs Wochen vor dem Mordanschlag aktiviert; ihre Besitzer nutzten sie nur untereinander und - bis auf einen Fall - nicht mehr nach der Tat. Offenbar verfolgten sie Hariri auf Schritt und Tritt. Die Hisbollah hält dagegen, dass die Handydaten vom Mossad manipuliert worden seien. Die Gruppe verweist darauf, dass in den vergangenen Jahren mehrere Mitarbeiter libanesischer Mobilfunkunternehmen als israelische Agenten enttarnt wurden. Sie hätten die Mobilfunkdaten so manipuliert, dass der Verdacht auf die Hisbollah-Männer fiel, so Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah in einer Rede.

Und pünktlich zum Auftakt des brisanten Prozesses wurde der Libanon gestern von einem Bombenanschlag erschüttert. Die Bombe explodierte auf dem Hauptplatz von Hermel, einer Hochburg der Hisbollah an der Grenze zu Syrien. Drei Menschen wurden getötet und 26 verletzt - es soll sich nach ersten Erkenntnissen um einen Selbstmordattentäter gehandelt haben.

Der Libanon wird zuletzt immer tiefer in dem Bürgerkrieg in Syrien hineingezogen. Der Konflikt entzweit Sunniten und Schiiten, zuletzt kam es deshalb immer wieder zu Anschlägen in libanesischen Großstädten.