Die Amerikaner treibt er mit diesem Spiel zur Weißglut - immerhin ist der Abzug in vollem Gange und eine Folgemission auf die Beine zu stellen, benötigt Zeit. Mehrere Male flogen US-Außenminister John Kerry und andere hochrangige Regierungsvertreter nach Kabul, um ihn in nächtelangen Sitzungen umzustimmen. Vergeblich.

Und als die Amerikaner gar mit der Zero-Option, dem vollständigen Abzug drohten, wusste Karzai abermals nachzulegen: Eine Unterzeichnung komme erst infrage, wenn es "substanzielle Gespräche mit den Taliban" gebe. Eine Forderung, die laut Experten fast einer Verhöhnung gleicht. Immerhin weigern sich diese seit Jahren, in Verhandlungen mit der afghanischen Regierung einzutreten - mit der Begründung, dass diese nur "Marionetten der USA" seien. Man verhandle deshalb - wenn überhaupt - nur mit den USA. Zwar bestätigte am Mittwoch Karzais Sprecher, dass man nun mit Taliban in Kontakt sei und diese "mehr als zuvor an Frieden interessiert" seien. Beobachter erwidern aber, das sei eher ein Ablenkungsmanöver der Taliban, um das Sicherheitsabkommen mit den Amerikanern zu torpedieren. Noch nie wären sie wirklich an Gesprächen interessiert gewesen.

Obama weiter unentschieden

Aber auch die USA werden kritisiert. "Viel an dieser Konfusion ist auch dem Umstand geschuldet, dass aus der Obama-Administration nie eine klare Linie für die Zeit nach 2014 vorgegeben wurde", sagt Davood Moradian, Direktor des Afghanischen Instituts für Strategische Studien, zur "Wiener Zeitung". Erst am Dienstag diskutierte der US-Präsident Barack Obama mit Militärs die amerikanische Präsenz am Hindukusch für die Zeit nach dem Abzug der Kampftruppen. Es wird kolportiert, dass die USA mehr als 10.000 Soldaten für Antiterrorismus-Einsätze und zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte im Land lassen wollen. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte nach den Gesprächen, Obama hätte noch keine finale Entscheidung über die US-Präsenz getroffen und würde weiterhin Inputs von Militärs, Geheimdiensten und Diplomaten abwägen.

Leidtragende im "Chicken Game" zwischen den Regierungen der beiden Länder, die aufeinander zurasen, ist die afghanische Bevölkerung. Sie will die Truppen im Land haben. Auch die Wirtschaft lechzt nach Planungssicherheit - Investitionen im Privatsektor sind seit der Androhung eines vollständigen Abzugs in den Keller gerasselt. Die Hoffnungen, das Land aus der sich verbessernden, aber nach wie vor desolaten Situation zu führen, ruhen bereits auf dem neuen Präsidenten.