Havanna/Brasilia. Auf die scharfe Kritik ihrer Landsleute reagierte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff im vergangenen Jahr mit einem Versprechen. "Mais Medicos" (Mehr Ärzte) heißt das Projekt, das die ehemalige Guerilla-Kämpferin an der Spitze des größten südamerikanischen Landes startete und welches den Volkszorn besänftigen sollte. Es war die Zeit des Fifa Confed-Cups 2013, als es Millionen Brasilianer auf die Straßen zog, um gegen den milliardenschweren Gigantismus von Fifa und IOC und für eine bessere Gesundheitsversorgung und ein moderneres Bildungssystem zu demonstrieren. Das Volk des Gastgeberlandes der WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 stellte sich offen gegen die Milliardeninvestitionen in die Sportstätten. Ex-Weltfußballer Ronaldo bereicherte damals die Diskussion mit dem legendären Satz, für eine WM bräuchte man doch keine Krankenhäuser und erntete den geballten Zorn seiner Landsleute.

Rodríguez brachte Missstände an die Öffentlichkeit. - © ap/Peres
Rodríguez brachte Missstände an die Öffentlichkeit. - © ap/Peres

Rousseff versprach Abhilfe und holte sich Unterstützung aus Kuba. Die Ausbildung der kubanischen Mediziner gilt als vorbildlich in Lateinamerika. Befreundete, meist rohstoffreiche Nationen greifen gerne auf Hilfe aus Havanna zurück, wenn es bei der eigenen medizinischen Versorgung Engpässe gibt. Auf diese Weise lassen sich eigene Versäumnisse in der Ausbildungssteuerung umgehen. Für alle Seiten ist das ein gutes Geschäft, dachte Rousseff bisher. Kubanische Ärzte sind menschliche Importe, die Lücken im System rasch schließen, Kuba lässt sich im Gegenzug mit Erdöl oder in Devisen bezahlen.

"Lösegeld" für Gastarbeiter

Ramona Rodríguez (51) gehört zu der Armada von insgesamt 5400 kubanischen Ärzten, die in den letzten Monaten nach Brasilien exportiert wurden. In dieser Woche trat sie vor die Presse, um ihre Sicht der Dinge zu erklären. Ärzte aus Kuba erhalten ein Monatssalär von 400 US Dollar ausbezahlt. Weitere 600 Dollar gehen auf ein Konto in Kuba, das allerdings nicht angerührt werden darf, solange die Ärzte im Ausland tätig sind. "Lösegeld" nennen das die kubanischen Ärzte spöttisch.

Die restlichen rund 3000 Dollar, die ein kubanischer Arzt nach gültiger Regelung der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation OPS verdient, kassiert aber der kubanische Staat. Während also Rodríguez für einen Hungerlohn von umgerechnet etwa 80 Euro pro Woche ihre hochqualifizierte Arbeit ausüben muss, ist für ihre nichtkubanischen Kollegen aus dem Ausland die Arbeit in Brasilien mit 4200 Dollar Monatssalär ein durchaus lohnendes Geschäft. Das ist der für alle gültige Tarif.

Das schafft Neid und die Erkenntnis, vom eigenen Staat genau so skrupellos ausgebeutet zu werden wie Leiharbeiter in einem Großkonzern, der Hungerlöhne zahlt und die riesigen Gewinne abschöpft. Kuba argumentiert, dass die Einnahmen der kubanischen Gesellschaft zugute kommen. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe will die brasilianische Regierung nun in Havanna auf eine bessere Bezahlung der kubanischen Ärzte drängen.

Rodríguez hat ihre Konsequenzen gezogen und einen Asylantrag in den USA gestellt. Ein weiterer kubanischer Arzt ist nach nur wenigen Wochen in Brasilien bereits in die USA geflohen. Experten erwarten, dass dies erst der Beginn einer Asylwelle wird. In anderen Ländern ist dies längst an der Tagesordnung. Besonders aus Bolivien, Nicaragua und Venezuela - allesamt enge Verbündete Kubas - versuchen kubanische Ärzte zu Tausenden in die USA zu gelangen. Die regierungskritische Tageszeitung "El Universal" aus Venezuela berichtete zu Jahresbeginn von 3000 medizinischen Fachkräften aus Kuba, die aus Venezuela geflohen sein. Auch an einem desertierten Mediziner verdient Havanna noch einmal kräftig mit. Die 600 US Dollar monatlich, die ein im Ausland tätiger Arzt von seinem Gehalt auf das kubanische Konto einzahlen lassen musste, fließen in die Staatskasse.