"Was wir wollen ist, dass in unserem Land endlich wieder Demokratie, Rechtsstaat und Gerechtigkeit zurückkehren", sagt Oppositionsführerin Maria Corina Machado im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Machado ist neben dem vor ein paar Tagen verhafteten Oppositionspolitiker Leopoldo Lopez und Gouverneur Henrique Capriles eine der drei führenden Köpfe der Opposition. Nun führt sie, unterstützt von vielen tausend Menschen in Caracas, einen Protestmarsch für die Freilassung des 42 Jahre alten Politikwissenschafters Lopez an. Die Regierung wirft ihm vor, die Massen zur Gewalt angestachelt zu haben.

Menschenrechtsorganisationen sind entsetzt, Künstler, Sportler und Musiker fordern seine Freilassung. Was als Studentenprotest begann, ist mittlerweile eine breite Massenbewegung geworden. Bereits 18 Menschen starben, hunderte wurden verletzt, ebenso viele verhaftet. Entsetzte Eltern der Studenten wenden sich an die Kirche und berichten über Folter an ihren Kindern. Tamara Suju, Rechtsanwältin der Nichtregierungsorganisation Foro Penal Venezolano, die sich für politische Gefangene einsetzt, bestätigt gegenüber der "Wiener Zeitung" Berichte über brutale Polizeigewalt und Folter gegenüber den Demonstranten.

Präsident Maduro bezeichnet Lopez und seine Oppositionspartei Voluntad Popular als rechtsextreme Nazi-Faschisten, die einen Putschversuch planen würden. Ein Lokalaugenschein in der Polizeizentrale von Voluntad Popular lässt anderes vermuten. Hier arbeiten vor allem junge, engagierte Studenten. Die Stimmung ist wie bei einer Jugendorganisation der deutschen Piratenpartei oder der Grünen. Aus den Lautsprechern klingt alternativer Rock. Es wird ausgelassen diskutiert und debattiert. "Die Regierung kriminalisiert die Opposition, weil sie von den eigenen Problemen ablenken will", sagt David Smolansky. Der junge Bürgermeister von Hatillo definiert die Partei als sozialdemokratisch.

Es sind vor allem die jungen Venezolaner, die sich gegen die Regierung Maduros stellen. Seit Maduro die Opposition öffentlich kriminalisiert und stigmatisiert, solidarisieren sich auch die Eltern und Großeltern mit den Schülern und Studenten. Maduro hat bisher ihre Kritik an der katastrophalen Versorgungslage, der staatlichen Zensur, der Kriminalität und der hohen Inflation ignoriert.

Friedenskonferenz oder Show-Veranstaltung?

Ein Ausweg aus der Krise scheint nicht in Sicht. Beide Lager stehen einander unversöhnlich gegenüber. Präsident Maduro hat nun eine nationale Friedenskonferenz ins Leben gerufen, doch bisher weigert sich die Oppositionsspitze an dieser "Show-Veranstaltung" wie sie sagt teilzunehmen. "An dem Tag, an dem die Friedenskonferenz begann, hat die Regierung zeitgleich wieder Dutzende Menschen verhaftet, was soll das für ein Friede sein", sagt David Smolansky. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Todes von Hugo Chavez steht das tief gespaltene Land vor einer ungewissen Zukunft und an der Schwelle zu einer Diktatur. An einer Häuserwand in Caracas prangt eines der unzähligen Graffitis mit dem Konterfei von Chavez: "Ohne patriotische Jugend gibt es keine Revolution" steht darauf zu lesen. Es scheint, als habe die Revolution die Jugend verloren.