Die Getreuen des ANC: Anhänger der Regierungspartei mit Plakaten von Jacob Zuma (r.) und von Nelson Mandela samt Familie. - © ap/Ben Curtis
Die Getreuen des ANC: Anhänger der Regierungspartei mit Plakaten von Jacob Zuma (r.) und von Nelson Mandela samt Familie. - © ap/Ben Curtis

Johannesburg. "Mandela hat den Krieg verhindert, dafür danke ich ihm. Aber er war ein Dieb, wie viele im ANC. Ein großer Teil des Geldes, den er - vor allem aus internationalen Quellen - erhalten hat, ging nur an seine Familie," resümiert Jane, eine "Farbige" in Südafrika, 20 Jahre, nachdem die ersten freien Wahlen im April 1994 abgehalten worden sind.

Die Regenbogennation hat erst vor wenigen Monaten mit dem Tod Nelson Mandelas eine der Ikonen des Kampfes gegen die Apartheid verloren. Er war auch die Frontfigur der größten Partei Südafrikas nach der Aufhebung der Rassentrennung im Jahr 1991. Der African National Congress (ANC), die Partei der schwarzen Unterdrückten, war während der Apartheid verboten. Jetzt hält er seit 20 Jahren die Mehrheit im Parlament und stellt seit 1994 alle Präsidenten des Landes.

Madiba, wie Mandela von vielen ehrfürchtig mit seinem Stammesnamen genannt wird, war der ANC, und so werden bei den Wahlen am 7. Mai viele "Schwarze" wieder für die derzeitige Regierungspartei stimmen, auch wenn sie mit dem derzeitigen Präsidenten und Parteiführer Jacob Zuma unzufrieden sind. "Sie werden es aus Liebe zu Mandela tun", bekräftigt auch Jane. Sie ist allerdings überzeugt, dass der Friedensnobelpreisträger "in seinen letzten Jahren den ANC nicht mehr gewählt hat". Aber sie versteht nicht, "wieso er zuletzt keine Kritik an der Partei geübt hat", obwohl die Korruption mittlerweile allzu offensichtlich sei und sich auch Schwarze gegen ihre Partei wenden.

Wirtschaftliche Segregation

Auch aus der Sicht von Thabang, einem Schwarzen, den man durchaus als "gut situiert" bezeichnen kann, spielt der ANC vor allem "die Mandela-Karte". Er ist aber nicht überzeugt, dass Zuma im Amt bleiben wird: "Es könnte sein, dass er kurz nach der Wiederwahl abgesetzt wird, weil er zwar im Land viele Stimmen für den ANC gewinnen kann, aber auf internationaler Ebene schlecht für Südafrikas Ruf ist." Als möglicher Nachfolger in so einem Fall wird Vizepräsident Kgalema Motlanthe gehandelt. Er war Generalsekretär der Bergarbeiter-Gewerkschaft und ist ein "solider Geschäftsmann", wie Thabang es formuliert. Aber ein Abgang Zumas könnte auch Wunschdenken sein.

Trotz der Hymnen auf die Regenbogennation und der noch immer unglaublichen Errungenschaft einer friedlichen Beendigung der jahrhundertelangen Apartheid, existieren Rassengrenzen - wenn auch in anderer Ausformung als noch vor zwei Dekaden - weiter. Vor allem die Kinder aus gemischten Beziehungen, wenngleich heute bereits in zweiter oder dritter Generation, fühlen sich oft noch so, als würden sie zwischen den Stühlen sitzen. "Der ANC kümmert sich nicht um die Farbigen - wir hätten genauso gut das Apartheid-Regime belassen können", sagt Jane. Wie so viele Kinder von Diktaturen weltweit ist sie nach deren Abschaffung von der jungen Demokratie enttäuscht. "Ich habe unter der Apartheid gelitten, aber zumindest haben Dinge wie die Gesundheitsversorgung funktioniert, und die Polizei war weniger korrupt", sagt die dreifache, alleinstehende Mutter. Tatsächlich hat sich über die Rassenzugehörigkeit eine wirtschaftliche Segregation gelegt. So gibt es viele Schwarze, die finanziell gut dastehen. Sie gehen in teure Restaurants und kaufen in exklusiven Geschäften ein. Daneben gibt es Weiße, die sich mit ihrem Job kaum über Wasser halten können.

"Wir sind noch nicht frei"


Vielen Südafrikanern ist die Kritik am ANC und vor allem an Jacob Zuma gemein, der das Land in eine veritable Wirtschaftskrise manövriert hat. Die Arbeitslosigkeit beträgt um die 30 Prozent. Der Rand verfällt und wurde gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn 2013 um 24 Prozent abgewertet. Dennoch lässt sich Zuma Paläste teilweise mit Steuergeldern errichten.

Trotzdem sehen viele Schwarze in Südafrika, die vom Ende der Apartheid bislang wirtschaftlich kaum profitieren konnten, den ANC noch immer als einzig wählbare Partei an. Auch Wayne ein 30-jähriger Schwarzer, dem es finanziell gut geht und der sich im neuen Südafrika sichtlich wohl fühlt, will nicht alles schlechtreden: "Südafrika hat viel zu bieten. Wir könnten besser dastehen, aber viele Menschen kommen schon wieder in ihre Heimat zurück", sagt er.

Der Tourguide auf Robben Island, ein Ex-Häftling und Mitgefangener Mandelas, antwortet hingegen ausweichend auf die Frage, ob die Schwarzen in Südafrika heute frei sind: "Ja, wir haben Freiheit, aber wir haben keine Arbeit, wir sind arm - aber es ist besser, als es früher war." Die Reiseleiterin bei der Bustour auf der ehemaligen Gefängnisinsel betont, dass ein Kind aus der Transkei, einer der östlichsten Provinzen Südafrikas, "womöglich noch kein Fließwasser, keine Toiletten und keine Elektrizität kennt - es ist noch nicht wirklich frei".

Die alleinstehende Mutter Jane würde hingegen keinem ihrer Verwandten im Ausland raten, derzeit nach Südafrika zurückzukehren: "Wir werden Unruhen haben - ich fürchte, das wird hier passieren." Ein Unruhestifter im neuen Südafrika ist derzeit Julius Malema, der mit seiner radikalen Partei Economic Freedom Fighters (EFF) bei den Wahlen antritt. Er verspricht der armen schwarzen Bevölkerung eine Landumverteilung ähnlich wie in Simbabwe.