London/Bagdad. Die radikal-islamischen Extremisten in Norden Iraks haben nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) Massaker in der Stadt Tikrit verübt. Darauf ließen Fotos und Satellitenaufnahmen schließen, berichtete HRW am Freitag und veröffentlichte die Bilder auf ihrer Internetseite www.hrw.org. Die Extremisten der Organisation Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (Isis) haben in den vergangenen Wochen mit einer Offensive große Teile Nordiraks erobert. Sie wollen einen islamischen Staat in der Form eines mittelalterlichen Kalifats in der Region errichten.

Opferzahl könnte viel höher liegen

Nach den Erkenntnissen von Human Rights Watch wurden zwischen 160 und 190 Menschen an mindestens zwei Orten in und bei Tikrit getötet. Die Hinrichtungen hätten zwischen dem 11. und 14. Juni stattgefunden. Die Zahl der Opfer könne noch viel höher liegen. Weitergehende Ermittlungen seien derzeit aber kaum möglich.

"Die Fotos und die Satellitenaufnahmen von Tikrit liefern starke Indizien für ein schreckliches Verbrechen, das weiter untersucht werden muss", erklärte HRW-Direktor Peter Bouckaert. Die Täter sollten sich bewusst sein, dass die Augen der Iraker und der Welt auf sie gerichtet seien. Viele der Fotos hat die Isis selbst auf dem Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlicht. Auch Videos ihrer Gräueltaten verbreiteten die Extremisten.

Die Vereinten Nationen (UN) hatten am Dienstag erklärt, im Juni seien im Irak mindestens 1000 Menschen getötet worden, die meisten davon Zivilisten. Sie seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen sowie bei Hinrichtungen der Isis. Aber auch irakische Soldaten und schiitische Milizen hätten vor ihrem Rückzug Dutzende Häftlinge erschossen, teilten die UN und amnesty international mit.

Weitere Kämpfe in Tikrit

Hubschrauber der irakischen Armee griffen am Freitag erneut Ziele in der von sunnitischen Extremisten eroberten Stadt Tikrit an. "Ich habe mit meiner Familie die Stadt am Morgen verlassen", berichtete der Universitätsprofessor Farhan Ibrahim Tamimi. "Wir konnten Schüsse hören und Hubschrauber, die das Gelände angegriffen haben." Die Hubschrauber feuerten auf den Campus der Universität, um die Kämpfer der Organisation Islamischer Staat im Irak und Großsyrien (Isis) zu vertreiben.

Bereits am Vortag hatten sich Soldaten und radikal-islamische Kämpfer heftige Kämpfe auf dem Gelände geliefert. Drei Hubschrauber sollten Soldaten im Stadion der Hochschule absetzen, hieß es in Sicherheitskreisen. Einer soll im Kugelhagel der Islamisten abgestürzt sein.

USA für Luftangriff nicht bereit

Die irakische Regierung hat die USA um Unterstützung im Kampf gegen die Isis gebeten. Die US-Regierung will sich vor eventuellen Luftangriffen auf die Extremistengruppe allerdings zunächst erste ein genaues Lagebild verschaffen. "Wir sind noch nicht so weit", erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters aus Regierungskreisen. Es sei noch Zeit nötig, um Einzelheiten über Aufstellung, Bewaffnung und Pläne der Extremisten zu bekommen.

Durch die Kämpfe sind auch zahlreiche Ausländer im Irak gestrandet oder als Geiseln genommen worden. Die chinesischen Medien berichteten am Freitag, rund 1000 in einem Kraftwerk festsitzende Landsleute würden in Sicherheit gebracht. Insgesamt sind nach offiziellen Angaben rund 10.000 Chinesen im Irak. Die meisten seien in sicheren Gebieten vorwiegend in der Ölindustrie tätig.