Mit Austritt droht Nasarbajew nach Putin-Äußerungen. - © apa
Mit Austritt droht Nasarbajew nach Putin-Äußerungen. - © apa

Moskau/Astana. (vee) "Schickt ihm ein Geschichtsbuch!" war noch einer der netteren Kommentare in kasachischen sozialen Medien in den vergangenen Tagen. Mit "ihm" ist Wladimir Putin, der russische Präsident, gemeint. Und zur Lektüre eines Geschichtsbuchs wird ihm aufgrund einer in der Vorwoche getätigten Aussage geraten. "Die Kasachen hatten nie eine eigene Staatlichkeit", erklärte Putin mehreren hundert russischen Jugendlichen des Naschi-Sommerlagers am See Seliger in der Vorwoche. Zudem regte der Präsident an, dass es für die Kasachen von Vorteil wäre, würden sie in der "größeren Russischen Welt bleiben", die Industrie und fortschrittliche Technologie entwickelt hätte.

Laut "Moscow Times" sagte Putin, der aktuelle kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew habe den Staat Kasachstan auf einem Territorium kreiert, das nie einen Staat hatte. Dabei unterschlug er das Kasachen-Khanat, das vom 15. bis ins 19. Jahrhundert existierte, bevor es vom zaristischen Russland sukzessive aufgelöst und dann von der Sowjetunion übernommen wurde, wie die Zeitung ergänzt.

Die Bemerkungen von Putin folgten wenige Tage, nachdem der russische Politiker Wladimir Schirinowski vorgeschlagen hatte, Moskau solle, wenn es mit der Ukraine fertig sei, seine Aufmerksamkeit auf Kasachstan richten. Schirinowski ist für bekannt für nationalistischen und rassistischen Aussagen.

Die Äußerungen des Präsidenten lösten aber nicht nur Verärgerung, sondern auch Ängste bei der Bevölkerung aus. Im 17-Millionen-Einwohner-Land lebt - vor allem im Norden entlang der russischen Grenze - knapp ein Viertel ethnischer Russen.

Beim kasachischen Präsidenten selbst kamen die Äußerungen offenbar nicht gut an - ungeachtet dessen, dass ihn Putin wenige Momente davor als den "umsichtigsten Führer im ex-sowjetischen Raum" bezeichnet hatte, der "nie etwas gegen den Willen seiner Bevölkerung tun würde". Denn: Nasarbajew drohte umgehend mit einem Austritt aus der Eurasischen Wirtschaftsunion - dieser gehören neben Kasachstan auch Russland und Weißrussland an -, sollte diese die Unabhängigkeit seines Landes bedrohen. "Unsere Unabhängigkeit ist der kostbarste Schatz, für den unsere Großväter gekämpft haben", sagte Nasarbajew. "Wir werden sie nie jemandem abtreten und werden unser Bestes tun, um sie zu verteidigen."

Putin hatte beim Jugendforum auch erklärt, der 74-jährige Nasarbajew, der seit 1990 regiert, habe mit der Kreation Kasachstans "eine einzigartige Sache" getan. Der russische Politologe Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie-Zentrum kommentierte in einem Blog auf Echo Moskvy, dies könne auch heißen, dass ein Staat, der dank einer Person entstanden ist, auch mit einer Person wieder verschwinden kann. Man solle aber nicht zu tief graben - vielmehr drücke es wohl einen Verdruss Putins über die fehlende Unterstützung seiner Verbündeten in der Ukraine-Krise aus.

Und nicht zuletzt bemerkte ja selbst Putin, dass Nasarbajew "lebt" und "Gott sei Dank gesund" sei. Dieser plane nicht, schon abzutreten.