Welt. Man hätte meinen können, Cecile Duflot, damals französische Wohnbauministerin, befand sich in der übelsten Bar von Paris, als sie 2012 im Parlament aufstand, um ihre Rede zu halten. Von den Sitzen ringsum tönten Pfiffe und sexistische Kommentare, man warf ihr anzügliche Blicke zu. Mon dieu, Ministerin Duflot trug ob der Juli-Hitze ein Sommerkleid, was offenbar ausreichte, um ihre männlichen Kollegen vergessen zu lassen, wo sie waren, wer sie waren und was sie da eigentlich taten.


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Duflot ist kein Einzelfall. Die Medien sind voll von Geschichten über Hillary Clintons Frisur, die "schöne" dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt oder die argentinische Präsidentin Christina Ferndandez de Kirchner, die von den argentinischen Medien den besonders gehässigen Spitznamen "Botox-Evita" erhielt. Kauft die britische Innenministerin Theresa May sich ein neues Paar Schuhe, nennt man sie "Shopping-Königin", tut Angela Merkel das nicht, macht man Witze über sie. Während die ehemalige US-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin angeblich "zu sexy" war, führen Meinungsforschungsinstitute in Deutschland Umfragen darüber durch, ob Kanzlerin Merkel denn auch wirklich weiblich genug ist. Gleichzeitig müssen junge Politikerinnen, wie etwa die kanadische Abgeordnete Chrystia Freeland sich anhören, dass sie im Parlament bitte mit ihrer "große Mädchen-Stimme" sprechen sollen oder der britische Premier schneidet - mit einem angeblich von den Medien falsch verstandenen Witz - der Staatssekretärin im Schatzamt mit einem lässigen: "Calm down, dear" das Wort ab.

All diesen Frauen wird, ungeachtet ihrer Macht und Verantwortung, unentwegt vorgeworfen hysterisch oder emotional zu sein oder umgekehrt kaltherzig und unmütterlich vorzugehen.

Niemand hört, was sie sagen


Die österreichische Richterin Lilian Hofmeister, künftig bei den Vereinten Nationen für den Kampf gegen Diskriminierung der Frau zuständig, kritisiert, dass sich die Gesellschaft zu sehr zum Optischen hingewandt hat: "Das wird den Frauen zum Verhängnis, wenn sie in den öffentlichen Raum treten. In Verbindung mit patriarchalen Vorstellungen, dass eine Frau vor allem schön sein sollte, jung und möglichst noch schweigen sollte, haben Politikerinnen ein ganz großes Problem in ihrem Auftreten." Frauen in der Politik, egal ob jung oder alt, würden durch die Reduzierung auf ihr Äußeres eingeschüchtert. Das sei ein Riesenproblem, so Hofmeister, denn so kämen sie nicht mehr dazu, ihre Inhalte und Themen einzubringen.

Auch Laura Bates, Journalistin und Gründerin des Everyday Sexism Projekts in Großbritannien, kritisiert die "unfaire Voreingenommenheit", mit der Frauen in der Politik zu kämpfen haben. "Politikerinnen von Cecile Duflot in Frankreich bis hin zur ehemaligen australischen Regierungschefin Julia Gillard mussten Misogynie und sexuelle Belästigung von ihren Kollegen erdulden." Darüber hinaus würde die Gesellschaft überhaupt nicht hören, was diese Politikerinnen eigentlich sagen wollen und damit kulturelle Vorurteile von der angeblich fehlenden Eignung der Frauen für die Politik nur vorangetrieben. Bates kritisiert außerdem die "scheinbar unwichtigen" Anspielungen auf Kleidung und Frisur von Politikerinnen und Anmerkungen wie "Mutter zweier Kinder", die man wesentlich seltener liest, wenn es um Männer geht. "Mit dem Everyday Sexism Projekt versuchen wir all diese angeblich so ‚kleinen‘ Zwischenfälle zu protokollieren, um zu zeigen, wie diese kleinen Dinge mit den wirklich großen Themen wie Missbrauch zusammenhängen. Hinter beidem stehen identische sexistische Normen und Einstellungen", so Laura Bates.