Rio de Janeiro. Es ist ein Paradox: In Brasilien herrscht seit mehr als einem Jahr eine politische Wechselstimmung, doch es gibt niemanden, der die Stimmung aufgreifen und von ihr profitieren könnte. So scheint wenige Tage vor den Wahlen am Sonntag am wahrscheinlichsten, dass Präsidentin Dilma Rousseff zwar nach dem ersten Urnengang in die Stichwahl muss; diese wird sie jedoch laut jüngsten Umfragen knapp gegen ihre Hauptkonkurrentin Marina Silva gewinnen.

Zwar erlebte Herausforderin Marina Silva ein sensationelles Umfragehoch, nachdem sie für den tödlich verunglückten Eduardo Campos von dessen Sozialistischer Partei zur Spitzenkandidatin ernannt worden war. Ihr Versprechen, eine neue Politik zu machen, stieß auf große Zustimmung. Schnell jedoch zeigte sich die Inhaltsleere von Silvas Programm, das sich in den üblichen Phrasen erschöpfte und eklatante Widersprüche aufwies. Für die vielen Brasilianer, die mehr Transparenz im politischen Prozess sowie Investitionen in Bildung, Transport, Gesundheit und Sicherheit fordern, hat Silva nichts Greifbares anzubieten. Vielen ist auch ihre Zugehörigkeit zu einer evangelikalen Kirche suspekt. Die einflussreichen Pfingstkirchen beziehen extrem konservative Haltungen, etwa wenn es um die (verbotene) Abtreibung oder die Gleichberechtigung von Homosexuellen geht.

Rousseffs aufgeschreckte Arbeiterpartei, die Partido dos Trabalhadores (PT), verwendete zudem viel Sendezeit dafür, Silva als unkalkulierbares Risiko für Brasilien darzustellen. Die Negativwerbung hat gewirkt. Auch weil der PT laut Wahlgesetz rund zehn Minuten tägliche Werbezeit im Fernsehen zustehen, während Silva nur zwei Minuten hat.

Würde Dilma Rousseff die Wahlen gewinnen, belegte sie den Präsidentenpalast bis 2019. Die PT stellt das Staatsoberhaupt bereits seit 2003, als Rousseffs Ziehvater und Parteigründer Lula da Silva in den Planalto genannten Amtssitz einzog.

Sozialprogramme-Plebiszit


Für viele Brasilianer, insbesondere aus der Ober- und der neuen Mittelschicht, ist das zu lang. Sie werfen der PT nicht zu Unrecht vor, Schlüsselpositionen im Staat mit ihren Parteigängern besetzt zu haben und tragen ihr bis heute den Korruptionsskandal, den Mensalao, aus dem Jahr 2005 nach. Die PT hatte damals ein ausgeklügeltes System des Stimmenkaufs im Parlament installiert und ihren Nimbus als saubere politische Alternative verloren. Erst im September hat ein wegen Geldwäsche verurteilter Ex-Manager des staatlichen Ölkonzerns Petrobras Korruptionsvorwürfe gegen sein früheres Unternehmen und dutzende Politiker erhoben.