In den Umfragen liegt Rousseff vor Gegenkandidatin Silva. - © ap
In den Umfragen liegt Rousseff vor Gegenkandidatin Silva. - © ap

Brasilia. Unmittelbar vor der Präsidentenwahl in Brasilien am Sonntag wird mit einem Sieg von Amtsinhaberin Dilma Rousseff gerechnet. In den Umfragen hat sie ihren Vorsprung vor der Konkurrentin und einstigen Umweltaktivistin Marina Silva auf 16 Prozentpunkte ausgebaut. Dennoch ist eine Stichwahl am 26. Oktober wahrscheinlich. Im ersten Wahlgang dürfte es keine ausreichende Mehrheit für einen der drei Kandidaten geben. Als chancenlos gilt der Wettbewerber der Zentristen, Aecio Neves.

Sollte die seit 2010 amtierende Rousseff bestätigt werden, wäre ihr eine spektakuläre Aufholjagd gelungen. Noch vor wenigen Wochen lag Silva in Umfragen weit vor ihr. Noch im Sommer hatte sich die linksgerichtete Rousseff den massiven Unmut vieler Brasilianer zugezogen. In Metropolen wie São Paulo oder Rio de Janeiro protestierten Zehntausende gegen stagnierende Wirtschaft, Korruption und ungenügende staatliche Einrichtungen. Viele Brasilianer trieb der Ärger über ein mangelhaftes Gesundheitssystem und schlechte Schulen auf die Straßen. Dazu kamen gestiegene Lebensmittelpreise, eine unzuverlässige Energieversorgung und Arbeitslosigkeit. In einer Umfrage wünschten sich zwei Drittel einen politischen Wechsel.

Rousseff, die zunächst vergeblich auf einen Schub durch die Fußball-WM im eigenen Land wartete, reagierte mit einer Kampagne unter dem Slogan: "Mehr Wandel, mehr Zukunft!" Ein neues Kabinett hat sie bereits angekündigt. Allerdings kann sie den Status quo nur schwer kritisieren, da ihre Arbeiterpartei seit zwölf Jahren das Staatsoberhaupt stellt. Und sie hat auch die Wirtschaft gegen sich. Investoren beklagten heftig die Beschneidung des Einflusses von Minderheiten unter den Aktionären halbstaatlicher Firmen. Und Investoren kritisierten, dass Rousseff mit Anreizen die Konjunktur ankurbeln wollte, anstatt Strukturen zu reformieren. Dass Rousseff nun doch vorne liegt, beeinflusst die Wirtschaft negativ: Die Landeswährung Real fiel auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2008, der brasilianische Börsenindex BVSP verzeichnete den größten Tagesverlust seit drei Jahren.

Rousseffs Gegenkandidatin Silva bescheinigen Beobachter eine Entwicklung weg von linken Positionen hin zur politischen Mitte. Sie gilt als pragmatisch und kompromissbereit. Nach Stationen in drei anderen Parteien tritt sie nun für die Sozialistische Partei an.