Ein erster eigener Satellit sorgt zudem in Bolivien für eine spürbare Verbesserung der Telekommunikation, eine beeindruckende Seilbahn befördert die Menschen aus La Paz künftig einfacher in das noch höher gelegene El Alto. Ohne mühsamen Aufstieg oder auch bisweilen gefährliche Klettertour mit den klapprigen Bussen. Gegen solche sichtbaren und greifbaren Verbesserungen hat die bürgerlich-konservative Opposition nichts zu bieten.

Wahlpflicht für alle


Dabei bietet Morales jede Menge Angriffsflächen, denn mit der eigenen Verfassung und den demokratischen Grundrechten nimmt es der machtbewusste Koka-Gewerkschaftler nicht so genau. Er weigert sich, mit der Opposition öffentlich zu diskutieren. Ein vom Staat gezahltes Sondergehalt sollten Angestellte im öffentlichen Dienst doch bitte dem Wahlkampf spenden und für die eigenen Wahlkampfauftritte greift das Morales-Lager hemmungslos in die Staatskasse. Aus einigen Dörfern ist überliefert, dass die Bürgermeister am Wahltag durch die Gassen ziehen und die Mitbürger unmissverständlich auffordern, ihre Stimme Evo zu geben. Wer dies trotzdem nicht tut, erlebt sehr unangenehme Zeiten. Linke Befürworter bejubeln die hohe Wahlbeteiligung als Zeichen einer neuen demokratischen Kultur, doch dahinter steckt eine Wahlpflicht. Wer sein Kreuz am Sonntag nicht macht, bekommt erhebliche Probleme mit den Behörden.

Zum eigenen Machterhalt überschreitet Morales gesetzliche Grenzen, doch die überwiegend indigene Bevölkerung Boliviens, die jahrelang unter der Vorherrschaft der europäisch-stämmigen weißen Ober- und Mittelschicht litt, interessiert das nicht. Jetzt sind es eben mal die anderen, die ungerecht behandelt werden.

Morales hat ein Gespür dafür, wie er seine Landsleute ködern kann. Mal unterschreibt er publikumswirksam einen Profi-Vertrag als Fußballer, dann verhängt er auf dem Höhepunkt der Krise auf dem Gaza-Streifen eine Visums-Pflicht für Israelis. Morales Lieblingsgegner sind die USA, die er als Kern allen Übels ausgemacht hat. Wo immer es geht, greift er Washington an, wirft US-Funktionäre aus dem Land und attackiert den Imperialismus. Er trifft damit den Zeitgeist, denn erstmals fühlen sich die Bolivianer nicht mehr fremdgesteuert, sondern selbstbestimmt und unabhängig. So erklärt es ihnen zumindest Evo.

Ob sie das tatsächlich angesichts des großen Einflusses der befreundeten Nationen Venezuela und Kuba sind, steht auf einem anderen Blatt. Gleichzeitig verhandelt der Pragmatiker Morales hinter verschlossenen Türen mit dem Erzfeind über Verbesserungen in den Handelsbeziehungen. Morales kann es auch mit den USA, nur darüber reden will er nicht so gerne.

Der Mann aus Orinoco scheut auch keine Kurswechsel. Nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima als Folge einer Naturkatastrophe erklärte Morales noch unter dem Eindruck der Bilder aus Japan die bolivianischen Atompläne für beendet. Das Beispiel Japan habe ihn eines Besseren belehrt. Davon will Morales nun nichts mehr wissen: Bolivien soll eine friedliche Atommacht werden, am liebsten mit Unterstützung des Iran. Damit wäre Washington wieder einmal gepiesackt. Es gibt allerdings noch keine Lösung, wie Bolivien mit den Abfällen der schmutzigen Energie umgehen will.

Bolivien wird auch in den kommenden fünf Jahren von Evo Morales regiert. Er steigt damit zu einem der einflussreichsten Politiker Lateinamerikas auf und dürfte damit mehr und mehr in die nach dem Tod von Venezuelas Revolutionsführer Hugo Chavez verwaiste Führungsrolle auf dem überwiegend links regierten Kontinent hineinwachsen.