Helaine Alves hat den Aufstieg in die neue brasilianische Mittelschicht geschafft. Die 35-Jährige reist gerne, während ihre Mutter (r.) in Armut aufgewachsen ist und das Land noch nie verlassen hat. - © Lichterbeck
Helaine Alves hat den Aufstieg in die neue brasilianische Mittelschicht geschafft. Die 35-Jährige reist gerne, während ihre Mutter (r.) in Armut aufgewachsen ist und das Land noch nie verlassen hat. - © Lichterbeck

Rio de Janeiro. Als Helaine Alves nach halbstündiger Fahrt aus dem Bus steigt, stehen fünf Soldaten vor ihr. Die Augen hinter Sonnenbrillen verborgen, die Zeigefinger an den Abzügen ihrer Gewehre. Die Männer mustern Alves, lassen sie vorbei, lehnen sich gelangweilt zurück. Seit der Fußballweltmeisterschaft geht das schon so, es ist ein alltägliches Ritual, für beide Seiten. Kurz vor dem Anpfiff der Fußball-WM im Sommer wurden mehrere tausend Soldaten in die größte Favela Rio de Janeiros geschickt, den Complexo da Maré. Man wollte die Drogengangs in dem Viertel in Schach halten. Weil nun Präsidentschaftswahlen sind, entschied man: Die Soldaten bleiben. Sicher ist sicher.

Wenn Helaine Alves zur Arbeit kommt, betritt sie militärisch besetztes Gebiet. Sie läuft entlang unverputzter Häuschen, vor denen sich der Müll türmt und an vielen Stellen das Abwässer ungeklärt abläuft. "In der Maré leben die Abgehängten", sagt Alves. Sie ist hier Lehrerin, gibt Unterricht an zwei öffentlichen Schulen. In gewisser Weise kehrt sie damit jeden Morgen in ihre Vergangenheit zurück. Denn es gab eine Zeit, da war es unwahrscheinlich, dass eine wie Alves einmal eine richtige Arbeit finden würde. "Wahrscheinlicher war es", sagt sie, "dass ich putze oder Straßenverkäuferin geworden wäre." Alves stammt vom gleichen Ort wie ihre Schüler, einem Ort namens Armut. Sie konnte ihm entkommen, gehört heute zur neuen brasilianischen Mittelschicht. Der Classe C.

Am Sonntag muss sich Alves entscheiden. Brasilien wählt einen Präsidenten. Der Wahlkampf ist der spannendste der letzten zwölf Jahre. Von einem "Krieg zwischen zwei Brasilien" ist die Rede: der reiche, weiße, industrialisierte Süden gegen den ärmeren, ländlicheren Norden. Der Kandidat der Oberschicht, Aécio Neves, gegen die Präsidentin der Armen, Dilma Rousseff. Deren Arbeiterpartei, die Partido dos Trabalhadores (PT), regiert Brasilien seit zwölf Jahren. Die Wahl ist auch eine Abstimmung über ihr Erbe. Und ob ihre Ära nun endet.

Dass die PT verbraucht sei und Brasilien einen "Wertewandel" benötige, ruft Oppositionskandidat Neves verschwitzt von einer Bühne an Rios Copacabana. Der 54-Jährige war Gouverneur des drittwichtigsten brasilianischen Bundeslandes, Minas Gerais, erwarb sich in dieser Zeit das Image eines Pragmatikers und Playboys. Affären um Nepotismus und Alkohol am Steuer hängen ihm bis heute nach.

Nun verspricht er vor allem zweierlei: weniger Staat und das Ende der Ära PT. Einer seiner Anhänger an der Copacabana, Anfang fünfzig, Bermudas, T-Shirt, Baseballcap, sagt, dass Brasilien in Bürokratie ersticke. Er sei Besitzer einer Modeboutique und könne ein Lied davon singen. Die PT sei eine "Bande von Dieben", wie der Korruptionsskandal um die staatliche Ölgesellschaft Petrobras beweise. Der Mann schimpft auf die hohe Inflation und ruft, dass die "kommunistischen Kanaillen" vertrieben werden müssten: "Dilma soll nach Kuba gehen!"

Aécio Neves hat einen anderen Habitus. Und auch kein Problem damit zuzugeben, dass Brasilien unter der PT ein anderes Land geworden ist. Ein besseres Land: 35 Millionen Menschen sind der Armut entkommen. Der Hunger wurde ausgemerzt. Es herrscht annähernd Vollbeschäftigung. Der Mindestlohn stieg um 262 Prozent. Alphabetisierung, Elektrifizierung auf dem Land, Hochschulstipendien, der Bau von Häusern für die Armen - überall positive Ergebnisse. Und am wichtigsten vielleicht: Mehr als die Hälfte der Brasilianer zählt heute zur Mittelschicht, der Classe C. So wie Helaine Alves. Sie glaubt: "Brasilien ist gerechter geworden."

Ansprüche anmelden


Alves, 35 Jahre alt, ist ein Kind des Wandels. Die erste Generation, die nicht mehr von der Militärdiktatur, sondern vom Internet geprägt wurde. Die weiß, dass heute vieles besser ist als früher. Die aber auch sieht, was nicht klappt. Und die keine Lust hat, ständig zurückzuschauen, sondern Ansprüche anmeldet. Ohne Alves’ Stimme, das wissen Neves und Rousseff, können sie die Wahl nicht gewinnen. Für Neves reicht es nicht, Modeboutiquebesitzer zu begeistern. Und nur mit Sozialtransferempfängern kommt auch Rousseff nicht weit. "Ich wuchs in der Rocinha auf", sagt Alves auf dem Weg zu ihrer Schule. Es klingt wie ein Urteil, eine Guillotine. Die Rocinha ist eine riesige Favela im Süden Rios, und jahrzehntelang war Herkunft der entscheidende Faktor für die Chancen im Leben eines Brasilianers. Wer arm war, blieb es auch. "Meine Mutter war aus dem Nordosten hergezogen", sagt Alves, "Landflucht." Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Dennoch ging Alves auf eine der besten Schulen Rios. Sie sagt, das sei auch der Bildungspolitik der PT zu verdanken, die Menschen wie ihr die Türen geöffnet habe.

Heute lebt Alves mit ihrer Mutter in einer bürgerlichen Ecke in Zentrumsnähe. Sie hat dort eine Wohnung gekauft, mit einem Spezialkredit, den die Regierung für arme Antragsteller aushandelt hatte. Die Wohnung ist heute ein Vielfaches wert, weil die benachbarte Favela von der Befriedungspolizei besetzt wurde. "Es wird zumindest nicht mehr täglich geschossen", sagt Alves.