Tunis/Wien. (klh) In Tunesien hat sich der politische Wind gedreht - zugunsten der säkularen Kräfte. Am Montag veröffentlichten Hochrechnungen zufolge hat die säkulare Allianz Nidaa Tounes (Ruf Tunesiens) die Parlamentswahl gewonnen. Sie liegt mit 83 Mandaten klar vor der islamistischen Ennahda-Partei, die auf 68 Sitze kommt. Die restlichen Mandate im 217 Sitze umfassenden Parlament entfielen auf kleinere Parteien. Die erste Wahl nach dem Sturz von Langzeitdiktator Zine el Abidine Ben Ali 2011 hatte noch die Ennahda klar gewonnen, die unter Ben Ali verfolgt worden war.

Der Wahlausgang gibt jenen Stimmen recht, die schon nach dem ersten Wahlsieg der Islamisten gemeint hatten, dass diese sich entzaubern würden, wenn sie erst einmal mitten im tagespolitischen Geschäft angekommen sind. Im Wahlkampf ging es stark um ökonomische Themen - um den für das Land so wichtigen Tourismus, der seit der Revolution 2011 massiv zurückgegangen ist, um die Arbeitslosigkeit, die offiziell bei 16 Prozent liegt, aber in vernachlässigten Regionen und bei Jugendlichen wesentlich höher liegen dürfte. Und hier trauten offenbar viele Wähler den Islamisten nicht zu, für Verbesserungen zu sorgen - zumal Nidaa Tounes der Ennahda immer wieder ihre nicht sonderlich erfolgreiche Bilanz als Regierungspartei unter die Nase hielt.

Gleichzeitig war der Ennahda aber auch vorgeworfen worden, sich nicht genügend von teils gewalttätigen salafistischen und anderen radikalen Strömungen abzugrenzen. Noch heute ist die Ermordung zweiter Oppositionspolitiker im vergangenen Jahr in der politischen Debatte präsent. Die Morde wurden mutmaßlich durch Salafisten begangen, doch auch der Ennahda wurde eine Mitschuld gegeben. Es kam zu ständig Demonstrationen gegen die Islamisten. Nach einer monatelangen politischen Krise zogen sich diese schließlich aus der Regierung zurück und machten den Weg für ein Expertenkabinett frei. Das wird nun wiederum von der am Wochenende vom Volk gewählten Regierung abgelöst.

Islamisten akzeptieren ihre Wahlniederlage


Wie diese genau aussehen wird, blieb aber vorerst noch unklar. Denn es ist fraglich, ob es der siegreichen Allianz Nidaa Tounes gelingen wird, ein Bündnis mit kleineren Parteien für eine Mehrheit zu schmieden. Oder ob es zu einer großen Koalition mit der Ennahda kommen wird.

Die Ennahda hat zwar ihre Niederlage bereits eingestanden, Parteisprecher Ziad al-Adhari gratulierte im Gespräch mit dem lokalen Radiosender "Mosaique fm" der Nidaa Tounes zum Wahlsieg. Gleichzeitig hat die Ennahda aber auch schon klargemacht, dass sie Teil der nächsten Regierung sein will. "Wir rufen nochmals dazu auf, dass im Interesse des Landes eine Regierung der nationalen Einheit gebildet wird", sagte Lotfi Zitoun, ein Parteioffizieller, der Nachrichtenagentur Reuters.

Mit wem Nidaa Tounes auch koalieren wird - mit ihr kehren alte Kräfte, die dem Diktator Ben Ali gedient hatten, zurück. Angeführt wird die Partei von Beji Caid Essebsi, der unter Ben Ali zeitweilig Parlamentssprecher war. Zudem sitzen in der Partei jede Menge Technokraten aus der Ben-Ali-Ära, die nun vorgeben, damals eine weiße Weste behalten zu haben. Doch ist die Bewegung insgesamt heterogen: Ihr haben sich auch vormals kleinere Parteien und Gewerkschaftsführer angeschlossen.

Tunesien ist das Mutterland des Arabischen Frühlings. Hier hatte der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi mit seiner Selbstverbrennung im Jänner 2011 die Massendemonstrationen ausgelöst, die auf andere Länder überschwappen und schließlich die arabische Welt neu sortieren sollten. Und auch nun gehen von Tunesien positive Zeichen aus: Die Wahl verlief großteils friedlich, und es ist ein beruhigendes Signal, dass die von Rached Ghannouchi angeführte Ennahda ihre Wahlniederlage gleich akzeptiert hat.

Tunesien ist Hoffnungsschimmer für Region


Anders sieht es in anderen arabischen Ländern aus. In Ägypten hat das Militär die Macht übernommen, Syrien versinkt in einem brutalen Massaker, im Jemen und Libyen herrschen bewaffnete Kämpfe und Chaos - Tunesien ist nicht nur die Wiege des Arabischen Frühlings, sondern derzeit auch der letzte Hoffnungsschimmer für Demokraten in der Region.