Washington. Kurz vor der Kongresswahl in den USA rechnen die großen Umfrageinstitute den Republikanern gute Chancen aus, den Demokraten die Mehrheit im Senat abzunehmen. Laut Berechnungen von "Washington Post" und "New York Times" liegt die Wahrscheinlichkeit dafür bei 70 bis 95 Prozent.

Für US-Präsident Barack Obama ist die Kongresswahl am kommenden Dienstag eine Zitterpartie mit Ansage. Die Chancen der Republikaner stehen gut, dass sie ihre Kontrolle über das Repräsentantenhaus verteidigen und gleichzeitig den Demokraten die Mehrheit im Senat entreißen. Sechs Senatorensitze müssen sie dafür hinzugewinnen. Gelingt das, stünde Obama einem Kongress gegenüber, der vollends vom politischen Gegner beherrscht wird. Große Pläne, wie eine Einwanderungs- oder Steuerreform nach seinen Vorstellungen, müsste er endgültig aufgeben. Und selbst im Haushaltsstreit, der die globalen Finanzmärkte seit Jahren immer wieder belastet, könnten sich die Fronten weiter verhärten - und das ausgerechnet in einer Phase, in der sich die weltgrößte Volkswirtschaft endlich von ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten erholt.

Quittung für Gesundheitsreform

Der Kongress hat entscheidende Mitspracherechte, vor allem bei Gesetzgebung und Haushalt. Obama kam nur in den ersten beiden Jahren seiner Präsidentschaft in den Genuss eines Parlaments, in dem seine Partei beide Kammern kontrollierte. Er nutzte dies im Wesentlichen, um die bei vielen Amerikanern geradezu verhasste Gesundheitsreform durchzudrücken. Die Quittung bekamen die Demokraten bei der Zwischenwahl 2010. Sie verloren das Repräsentantenhaus an die Republikaner. Seitdem bremst sich ein gespaltener Kongress regelmäßig gegenseitig aus und macht Obama das Regieren schwer.

Sollten die Demokraten nun auch noch im Senat den Kürzeren ziehen, würde der 2008 von einer kaum gekannten Welle der Euphorie ins Weiße Haus getragene einstige Hoffnungsträger in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit de facto weitgehend handlungsunfähig. Am Ende könnte sogar er und nicht wie zuletzt der Kongress als der große Blockierer dastehen. Denn die Republikaner könnten eine Mehrheit in beiden Kammern nutzen, um Gesetzentwürfe zu verabschieden, die gegen Obamas Agenda gehen, so dass er sich genötigt sähe, sie per Veto abzulehnen.

36 Sitze werden neu vergeben
Alles hängt davon ab, wie viele der etwa ein Dutzend Senatorenposten, bei denen ein knappes Wahlergebnis erwartet wird, die Republikaner holen. Derzeit haben sie 45 Senatssitze, die Demokraten stellen 53 Senatoren und werden noch von zwei unabhängigen Senatoren bei Abstimmungen unterstützt. Am Dienstag werden 36 Sitze neu vergeben. Der Vorteil liegt bei den Republikanern, weil die sogenannten Midterms allgemein von Wählern für eine Abrechnung mit dem jeweiligen Präsidenten genutzt werden - und Obamas Beliebtheitswerte sind mit etwa 40 Prozent im Keller.

In etwa einem halben Dutzend Bundesstaaten laufen demokratische Senatoren akut Gefahr, ihre Posten zu verlieren. In Kansas und South Dakota werden zudem unabhängigen Bewerbern gute Aussichten auf einen Sieg eingeräumt, von denen unklar ist, in welches Lager sie sich bei Abstimmungen schlagen würden.

Entscheidung könnte aber auch erst später fallen

Bis feststeht, welche Partei die Kontrolle im Senat übernimmt, könnten allerdings Wochen vergehen. Denn in Louisiana und Georgia drohen Stichwahlen zwischen den jeweils beiden stärksten Kandidaten, da dort nur derjenige siegt, der über 50 Prozent der Stimmen erhält. Derzeit schafft das in Umfragen aber kein Bewerber. Die Stichwahl in Louisiana wäre am 6. Dezember, die in Georgia einen Monat später genau an dem Tag, an dem der neue Kongress in Washington zusammentreten soll.

Demoskopen schließen nicht aus, dass Demokraten und Republikaner im Senat am Ende äußerst nah beieinanderliegen werden. Bei einem Gleichstand von 50 zu 50 ist Vizepräsident Joe Biden das Zünglein an der Waage bei Abstimmungen in der Kammer. Und der ist wie sein Chef Demokrat.