Nelson Mandela wird in Südafrika weiterhin verehrt. - © apa/epa/Ian Langsgon
Nelson Mandela wird in Südafrika weiterhin verehrt. - © apa/epa/Ian Langsgon

27 Kilometer laufen, für 27 Jahre Gefängnis. 5 Kilometer gehen, für jedes Jahr an der Regierung: Mandela wird geehrt, am "Unite4Mandela"-Sporttag vor zwei Wochen und natürlich an diesem Freitag, an seinem ersten Todestag. Da wird neben Kranzniederlegung, Konzerten und einer Reihe von Veranstaltungen 6 Minuten und 7 Sekunden lang zuerst gelärmt, dann geschwiegen. Für "67 Jahre, die er der Menschheit diente", wie es in einer Erklärung der Mandela-Stiftung heißt.

An Symbolik mangelt es also nicht, doch der aktuellen Politik Südafrikas nützt die Helden-Verehrung heute kaum noch. Die regierende ANC-Partei schlittert unter Präsident Jacob Zuma von einem Skandal zum nächsten. Besonders "Nkandlagate", die Affäre um die Privatresidenz des Präsidenten, die um Millionen Euro an Steuergeldern ausgebaut wurde, ist zum Symbol für Bereicherung und Korruption ehemaliger Anti-Apartheidkämpfer an den Schalthebeln der Macht geworden. Tumulte in der Jugend- und der Arbeiterbewegung des ANC tun ihr Übriges. Vergangenes Wochenende musste der Präsident selbst zugeben, dass die Partei in einer echten Krise steckt.

Die Fetten werden fetter


"Die Fetten werden noch fetter", titelt die südafrikanische "Times" und veröffentlicht eine neue Liste der Mega-Reichen. Unter den Top-Ten finden sich da gleich drei südafrikanische Bosse der großen Minen-Gesellschaften. Der reichste, Ivan Glasenberg, in der Schweiz lebender CEO von Glencore, wird auf 60 Milliarden Rand, knapp viereinhalb Milliarden Euro geschätzt. Die Arbeiter in den Minen kämpfen indes weiter für 900 Euro Mindestlohn pro Monat. Beim sogenannten "Marikana-Massaker" 2012 waren während eines Streiks 44 Arbeiter ums Leben gekommen, weil die Polizei das Feuer eröffnet hatte. 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid finden sich auf der Reichen-Liste unter den ersten hundert fast nur Weiße. Lediglich 14 sind schwarz und nur drei sind Frauen.

"Was, ein Jahr ist das schon her?", schütteln die meisten Befragten ungläubig den Kopf. Ja, Mandela ist da, er gehört zu Südafrika wie die Sonne am Kap oder wie Gandhi zu Indien. Doch im realen Leben zählt anderes: Schule, Freunde, Arbeit, Aids - oder Swimmingpools und schöne Autos.

Zum Gedenken an den Jahrestag tragen viele heute Mandela-T-Shirts. Einige der berühmten, bunten Hemden, die Mandela selbst getragen hat, finden sich zurzeit in einer Ausstellung in der Circa-Galerie. Die weihevolle Stimmung im Kunsttempel, einem architektonischen Wahrzeichen im schicken Johannesburger Stadtteil Melville, bildet einen scharfen Kontrast zur Fröhlichkeit der Hemden. Kein einziges Mandela-Foto, das sanfte Madiba-Lächeln ist hier bewusst ausgespart. Der Wächter Maxwell passt auf die wertvollen Einzelstücke auf. Ob er Mandela vermisst? "Nein", antwortet er trocken: "Mandela ist tot." Eine kurze Pause, dann fügt er allerdings hinzu: "So wie meine Mutter. Die liebe ich auch."

"Wir leben Mandela nicht", sagt der Politologe William Gumede, einer der bekanntesten Kommentatoren des Landes, der im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" den regierenden ANC hart kritisiert.

"Wiener Zeitung": Mister Gumede, ist Ihre Regierung im Moment ein Vorbild in Sachen Regierungsführung?

William Gumede: Nein, unglücklicherweise nicht. Die Staatspartei ANC ist nicht mehr der ANC von früher. Wir hatten im vergangenen Jahr, neben China, die höchste Zahl an Protestkundgebungen weltweit. Wir hatten drei Abspaltungen. Die schwarze Mittelklasse war schon lange unglücklich mit dem ANC, dann hat er die schwarze Jugend fast gänzlich verloren und jetzt ist er gerade im Begriff, auch die Arbeiterklasse zu verlieren. Da bleiben dann nur noch Unterstützer übrig, die direkt von der Partei profitieren. Die wählen dann den ANC, weil sie etwas bekommen, und nicht aus Überzeugung.

Gar nicht so wenige Menschen in Europa sagen, Demokratie funktioniert in Afrika sowieso nicht.

Nein, das stimmt nicht. Demokratie funktioniert überall. Wir haben sie hier bloß nicht. Wir haben nur Leute, die sich herauspicken, was ihnen gerade passt.

Die Apartheid ist tot, aber der Rassismus weilt immer noch unter uns, sagten Sie vor kurzem der Zeitung "Mail&Guardian".

Rassismus gibt es seit Generationen, der geht so schnell nicht weg. Das ist in der DNA. Das Beste, das wir tun können, ist zumindest materielle Gleichheit herzustellen, den Menschen Chancen zu bieten. Eine neue Kultur des Zusammenhalts zu entwickeln, vielleicht auch Akte von Rassismus stärker zu bestrafen. Aber wir müssen realistisch bleiben. Das geht über Nacht nicht weg. Er ist ja seit 300, 400 Jahren da.

Sie vergleichen Ferguson (wo ein schwarzer Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wurde, Anm.) mit Südafrika. Wo sehen Sie da die Parallelen?

In den USA ist der Rassismus ebenfalls nicht legal und geht dort auch nicht weg. Mir geht es darum, den Menschen Chancen zu geben und die Schwachen zu schützen. Denn die sind immer schwarz, hier wie dort. Egal ob in Amerika oder in Südafrika. Der Kolonialismus oder die Apartheid mögen zu Ende sein, aber in der modernen Welt braucht man Chancen. Heutzutage können Sie gut gebildet sein, aber Sie müssen sich auch vernetzen. Wenn Sie aber hier in einem Township leben, dann sind die Chancen dafür gering. Deshalb versuchen viele verzweifelt, sich mit den ANC-Kadern zu verbünden, weil sie dann Chancen haben.