Kühle Atmosphäre: Obeidi (l.) und Hagel nach ihrem Gespräch. - © ap
Kühle Atmosphäre: Obeidi (l.) und Hagel nach ihrem Gespräch. - © ap

Bagdad. (red/reu/apa) Erstmals seit dem Abzug der US-Truppen vor drei Jahren hat ein amerikanischer Verteidigungsminister am Dienstag den Irak besucht. Chuck Hagel traf bei seiner Überraschungsvisite mit Ministerpräsident Haider al-Abadisowie Verteidigungsminister Khaled al-Obeidi sowie zusammen - im Mittelpunkt stand die Militärhilfe der internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz IS.

Wie kritisch die Sicherheitslage im Nordirak trotz wochenlanger US-Luftangriffe immer noch ist, weiß Minister al-Obeidi aus persönlicher Erfahrung. Der Sunnite und sein Konvoi waren erst am Wochenendeauf dem Weg zur größten Ölraffinerie des Landes von Kämpfern des "Islamischen Staates" (IS) beschossen worden. Dass die Regierung wieder Zugang zur Stadt Bajji hat, zeigt andererseits aber auch, dass die massiven Luftangriffe der USA und ihrer Partner langsam wirken. Bis vor drei Wochen stand die im Norden gelegene Raffinerie noch unter Kontrolle der sunnitischen Dschihadisten. Auch konnte deren Marsch auf die Hauptstadt Bagdad mit ausländischer Hilfe zumindest vorübergehend gestoppt werden. Die für ihre mittelalterlichen Islamvorstellungen und blutrünstigen Strafexpeditionen bekannten IS-Kämpfer kontrollieren aber immer noch weite Teile des Nordens und Ostens des Landes. Und sie sind zu gefährlichen Überraschungsoffensiven fähig, wie der Angriff auf Sicherheitskräfte 70 Kilometer nördlich von Bagdad zeigt, bei dem mehrere Polizisten ihr Leben ließen.

Ministerpräsident al-Abadi forderte von Hagel denn auch zusätzliche Unterstützung im Kampf gegen den IS. Die Armee komme am Boden gut voran, brauche aber "mehr Unterstützung aus der Luft und mehr schwere Waffen".

Der Amerikaner spielte den Ball zurück. "Wir können helfen, wir können ausbilden, wir können unterstützen, wir können beraten - das alles tun wir bereits". Aber "es ist ihr Land, sie müssen führen und sie sind es, die sich am Ende für die Resultate verantworten müssen". Ausdrücklich betonte in diesem Zusammenhang, dass die Regierung in Bagdad dafür sorgen müsse, dass sie das Vertrauen aller Iraker genießen und die sunnitische Minderheit nicht ausschließen.

Die Anti-IS-Koalition - darunter mehrere arabische Staaten, Frankreich, Großbritannien und Australien - verstärkt zurzeit ohnehin ihre Militärpräsenz. Am Montag verkündete US-General James Terry, dass zusätzlich zu bereits entsandten 3100 US-Militärs noch etwa 1500 Militärberater und -ausbildner aus anderen Ländern im Zweistromland stationiert werden, um die irakischen Soldaten und kurdischen Kämpfer gegen die vorrückenden radikalen Gotteskämpfer zu unterstützen. Welche Länder sich engagieren, wollte Washington nicht verraten. Die USA haben inzwischen fast 40 Länder für die Anti-IS-Allianz gewonnen, die im Irak und Syrien ein Kalifat ausgerufen hatten.

Mittlerweile greift auch der Iran militärisch in den Konflikt ein. Am Wochenende flogen iranische Kampfflugzeuge Luftangriffe auf IS-Stellungen im Grenzgebiet beider Staaten. Teherans Führungbegründete das Vorgehen mit der notwendigen "Verteidigung der Interessen unserer Freunde im Irak". Schon zuvor lieferte der Iran Waffen an die Schiiten-Milizen, die mit den schiitischen Regierungsparteien und allen voran Ministerpräsident al-Obeidi eng verflochten sind.

Die Iran-Achse


Der US-geführten Anti-IS-Allianz will sich Teheran vor dem Hintergrund diplomatischer Spannungen mit Washington weiterhin nicht anschließen. Stattdessen schlug Präsident Hassan Rohani während Hagels Bagdad-Besuch die Gründung eines regionalen Bündnisses vor. Die beiden Staaten unterhalten seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen mehr und streiten seit Jahren um Irans Atomprogramm. Die gemeinsame Interessenslage im Irak brachte ungeachtet dessen eine Annäherung. Beide Seiten sind an einer Kooperation interessiert. Ob der Pentagonchef in Bagdad, wie in einigen regionalen Medien spekuliert wurde, hinter verschlossenen Türen auch mit Vertretern des Iran zusammentraf, wurde nicht bekannt. Die USA wollen die Iraner jedenfalls mit an Boot haben - als Bedingung wurde aber eine Einigung im Atomstreit genannt. Doch die Verhandlungen sind kürzlich ein weiteres Mal verlängert worden.