Gefangen in der Erinnerung

"Das zentrale Problem ist die Ohnmacht", erklärt Metin Basoglu. Der Professor für Psychologie ist Gründer des Istanbul Centre for Behaviour Research & Therapy, das die Auswirkungen von Folter und Therapien für Opfer erforscht. Ohnmächtig sind die Opfer bei der Folter, hilflos dem grausamen Walten eines anderen ausgeliefert. Ohnmächtig sind sie auch, wenn sie zusehen, wenn anderen Leid angetan wird. "Zeuge von Folterungen zu sein und nichts dagegen unternehmen zu können, das ist schlimmer, als selbst gefoltert zu werden", sagt Ex-Guantánamo-Insasse Mozzam Begg. Eine Freilassung beendet das Martyrium nicht, denn die Ohnmacht verfolgt die Folteropfer auch weiterhin.

Bei Folter gehe es darum, jemandes seelisches oder körperliches Wohlergehen zu bedrohen und ihn in eine Situation zu bringen, in der er die Kontrolle über die traumatischen Ereignisse verliert. So wird ein Zustand totaler Hilflosigkeit herbeigeführt. "Angst, Beklemmung, Depression und posttraumatische Störungen sind die üblichen Folgen", erklärt Basoglu. Daher meiden sie Situationen, die sie an die traumatische Erfahrung erinnern, und verlieren so die Kontrolle über ihr Leben, was die Hilflosigkeit verstärkt. Wichtige Lebensbereiche werden beeinträchtigt, obwohl die eigentliche Gefahrensituation längst vorbei ist.

"Nehmen wir jemanden, der mit Strom gefoltert wurde: Der wird nach Möglichkeit den Kontakt zu elektrischen Dingen meiden. Das kann so weit gehen, dass er Schwierigkeiten hat, das Licht einzuschalten." Doch es gibt vieles, das im alltäglichen Leben an das Erlebte erinnern kann. Etwa ein Bewerbungsgespräch. Die Befragung durch eine mit Autorität ausgestattete Person kann schnell an die Verhörsituation erinnern. Ebenso eine Gewaltszene im Fernsehen, eine Beschreibung in einem Buch, eine Bewegung auf der Straße. Das Resultat kann so aussehen: Das Opfer hat keinen Job, kein soziales Umfeld und verlässt das Haus nicht mehr. Das wiederum verstärkt das Gefühl von Hilflosigkeit und Depression.

Im Istanbul Center for Behavior Research and Therapy versucht man, Folteropfer in die entgegengesetzte Richtung zu führen. "Wir ermuntern die Menschen, sich an die traumatischen Erlebnisse zu erinnern", sagt, Basoglu. "Das ist einer Impfung ähnlich." So wie bei einer Impfung eine abgeschwächte Form des Virus verabreicht wird, rufe man die Erinnerungen an die Beklemmung auf, um psychologische Immunität dagegen zu erlangen. So erlangen die Folteropfer wieder Kontrolle über die Erinnerung und entwickeln eine Toleranz gegenüber der Furcht, Beklemmung und Stresssituationen. "Wir sagen den Leuten: Du hast zugelassen, dass dein Trauma – deine Angst, deine Beklemmung – die Kontrolle über dein Leben übernimmt. Du bist in einer Situation der Hilflosigkeit, weil du dich dieser Angst ergibst. Du kannst aber die Kontrolle wiedererlangen, wenn Du Deine Angst kontrollierst."

Eine Studie des Zentrums zeigt, dass mit dieser Behandlungsmethode mit durchschnittlich sechs Behandlungssitzungen eine Heilungsquote von 90 Prozent erzielt werde. Wobei Heilung in diesem Fall bedeutet, wieder ein normales Leben in der Gesellschaft führen zu können.