Oliver Piecha: "IS tut das, was jeder Staat mit totalitärem Anspruch tut: Er baut Straßen." - © Schmölzer
Oliver Piecha: "IS tut das, was jeder Staat mit totalitärem Anspruch tut: Er baut Straßen." - © Schmölzer

Oliver Piecha ist Co-Kurator des Filmfestivals "This Human World", das derzeit im Top-Kino in Wien läuft. Der deutsche Historiker und Journalist ist Nahost-Spezialist, das Festival hat mit Filmen wie "False Alarm" und "Syria inside" einen Syrien-Schwerpunkt. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" stellt Piecha Verbindungen zwischen dem Heroenkult des syrischen Dschihadismus und dem Faschismus her, er sieht Parallelen zwischen Islamisten und dem Männerbund, der nach dem Ersten Weltkrieg direkt in den Nazi-Wahn und einen neuen Krieg geführt hat.

"Wiener Zeitung":Sie meinen, die Verbrechen, die der Islamische Staat (IS) in Syrien und im Irak begeht, regen uns deshalb so auf, weil das Ganze relativ frisch in unserer Erinnerung verankert ist. Sie erwähnen immer wieder die Männerbünde in den 1920er Jahren am Vorabend des Nationalsozialismus, die Freikorps, den Stahlhelm. Das erinnert mich an Klaus Theweleit, der das alles in seinem ersten Werk "Männerphantasien" beschrieben hat. Die IS-Dschihadisten als Männerbund also, wie er den Deutschen nur zu vertraut ist?

Oliver Piecha: Ich hätte gerne gewusst, was Theweleit vom Islamischen Staat hält. Über die IS-Propaganda könnte man einen Nachfolgeband zu "Männerphantasien" schreiben. Wenn man sich das Hochglanz-Internet-Magazin vom IS ansieht, dann ist das ein Männermagazin für Dschihadisten. Nachtaufnahmen von Kanonen, hell angeblitzt. Da heißt es: Ich habe die größte Kanone, den größten Panzer. Das ist wie Satire, wie bei Monty Python, die auch alles ins Groteske gezerrt haben. Der Text zu den Kanonen-Bildern beschreibt genau, wie Kriegsbeute aufgeteilt wird. Das ist das perfekte Männer-Magazin. Man blättert um und erwartet: Jetzt kommt Grillen für richtige Männer. So ist das aufgemacht. IS bietet den Leuten, die in den Kampf gehen, tatsächlich etwas an. Man bekommt Geld, man kann seine übelsten Fantasien ausleben, es gibt Sklavinnen. Es gibt Online-Artikel, in denen wird es als Menschheits-Fortschritt dargelegt, dass IS die Sklaverei wieder eingeführt hat. Wenn man sich in dieses abstruse Gedankengebäude hineinbegibt, ist aber alles wieder sehr logisch aufgebaut.

Was sagt eigentlich der Feminismus zu IS?

Da überwiegt die Abscheu. Man hat sich jedoch, zumindest meines Wissens nach, noch nicht wirklich damit auseinandergesetzt. Aber IS hat ja eine eigene Frauenpolitik.

Was bietet der IS den Frauen an?

Da gibt es eine Website von einer Dschihadistin, einer jungen Ärztin aus Malaysia, auf der man Blog-Einträge als Fortsetzungs-Roman lesen kann. Wie eine Soap. Sie hat einen Dschihadisten-Kämpfer geheiratet, ist nach Syrien gegangen und beschreibt Szenen und Personen aus ihrem Alltag, aus ihrer Ehe: der Mann der Nachbarin, der gefallen ist. Der eigene Mann, der von der Front heimkommt. Es ist bizarr. Dazwischen findet sich so eine Jungmädchen-Bebilderung. Tauben, blauer Himmel, garniert immer mit Kalaschnikows und roten Rosen. Ganz wichtig in dem Blog ist eine Kontaktadresse, bei der man sich melden kann, wenn man auch hinkommen will.

Die Männer haben die Kanonen, die Frauen die Romantik. In Österreich gab es eine große Diskussion, weil zwei junge Mädchen in den Dschihad gezogen sind. Was macht diese IS-Romantik genau aus?

Von der Ikonografie ist es eine Jungmädchen-Romantik, die versprochen wird. Man muss auch nicht gleich heiraten, es gibt so eine Art Ledigen-Wohnheime. Transportiert wird auch die Vorstellung von einer heilen Familie: Wir haben hier eine ganz tolle Gemeinschaft. Dennoch immer gepaart mit einer gewissen Militanz. Es gibt eine bewaffnete Frauen-Einheit in Raqqa (inoffizielle Hauptstadt des IS, Anm.), die jetzt auch schon Kontrollfunktionen hat. Von IS werden Bilder von Frauen mit Kalaschnikow verbreitet. Da geht dann die IS-Mutter, voll verschleiert, in der einen Hand das Kind und die Kalaschnikow baumelt hinten am Rücken. Das hat letztlich mit dem traditionellen Islam nichts zu tun. Aber es geht ja ganz bewusst um Tabubruch: Die junge Muslima, die sagt: Ich gehe jetzt nach Syrien ins Kalifat, die opponiert ja gegen den patriarchalen Islam ihres Vaters.

Es wird das auf die Spitze getrieben, was der Vater predigt?

Man hat das ja vor Augen: Da sitzt der patriarchale Vater und bestimmt alles und dann kommt die Tochter und sagt: Nein, ich bin die wahre Gläubige. Das ist Rebellion. Die jungen Frauen fahren nach Syrien - in der traditionellen Vorstellung geht das gar nicht. Die brechen aus einem Rollenmodell aus, um sich in ein anderes, fragwürdiges zu begeben.

Spielt das Abenteuer eine Rolle? Und die Frage ist, was erleben sie dann dort? Kommen sie dann nicht demütig und geläutert wieder zu Hause angekrochen?

Es ist schwierig, da wieder rauszukommen. Letztlich ist das eine Sektenstruktur. Wenn ich als junger Mensch mit wirren Gedanken dort hinkomme und ich stehe das erste Mal vor einer Leiche, gibt es zwei Reaktionen: Entweder man sagt, toll, super, oder man sagt, das habe ich mir so nicht vorgestellt. Mittlerweile ist ja auch die Anfangs-Euphorie bei IS weg. Die hatten ihren Höhenflug, doch der Vormarsch ist vorbei. Das ist das Problem: IS ist eine Bewegung, die muss dynamisch sein. Dann geht das nur noch zurück. An diesem Punkt ist IS jetzt.